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Martin Marheinecke Brocken Hexe
28.04.2017, 09:55

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Ich, die männliche Brockenhexe

(The making of: "Heilige Orte Deutschlands: Gipfel und Götter, Brockenszene")

"Heute ist die Walpurgisnacht vor allem ein großes Touristenspektakel und die Dörfer rund um den Brocken haben eigene Feste und Tanzshows kreiert, um Besucher aus der ganzen Bundesrepublik anzulocken. Doch der höchste Berg des Harz zieht auch Mystiker an. Einer von ihnen ist Martin Marheinecke, der sich selbst als "frei fliegende Hexe" bezeichnet. Der bekennende Heide, der dem Verein "Rabenclan" angehört, glaubt an die Kräfte der Natur und die Beseeltheit des Universums."

Aus dem ZDF-Kommentar zur Sendung "Gipfel und Götter"

Es begann zur Walpurgisnacht

Anfang Mai. Während ich noch auf Burg Waldeck im Hunsrück Beltaine feierte, arbeitete in Berlin eine gewisse Chiara Sambuchi von der Produktionsgesellschaft "Lavafilm" im Auftrag des ZDF an einer Reportage über die heiligen Berge Deutschlands. Im Zuge ihrer Recherchen im Internet stieß besagte Journalistin auf die Website des Rabenclans, wo sie nach eigenen Angaben sehr viele spannende Informationen fand, unter anderem über die Sonnwendfeier und den "Wicca-Glauben".

Also e-mailte sie zwecks weiterer Recherchen an den Pressesprecher des Rabenclans, einen gewissen Martin Marheinecke: "Mein erstes Ziel bei der Recherche ist zu verstehen, was für eine Anziehungskraft gewisse Berge auf Menschen ausüben und warum Berge in vielen religiösen Traditionen ein Ort der Begegnung mit sich selbst und dem Göttlichen sind. Ich würde mich sehr freuen, mit Ihnen darüber sprechen zu können. Ich denke, Sie würden mir helfen, die Faszination und die Bedeutung der Mythen zu verstehen, die sich hinten solchen Feiern verbergen."

Hm, ja, ganz interessant, man kann ja mal kurz miteinander telefonieren. Dazu kam es nicht: Wir telefonierten stattdessen lange miteinander.

Ich merkte nämlich schnell, dass Frau Sambuchi ernsthaft an dem Thema interessiert war. Es kam ihr nicht auf ein paar Sendeminuten mit der bei Boulevard-Journalisten allseits beliebten und bei Heid und Hex allseits gefürchteten "Rumpelstilzchen Nummer" an: Ums Feuer tanzenden und "Agga-Ugga" schreiende, exotisch fast gar nicht gewandete Gestalten usw. usw.. was in der Art hatte "Lavafilm" nämlich schon im Kasten: Ein Filmteam war zu Walpurgisnacht in Schierke (Harz) beim Brocken gewesen und brachte schrille Aufnahmen von etwas mit, das dem Rosenmontag am Rhein nicht ganz unähnlich war - nur, dass fast alle der mehr oder weniger originell mehr oder weniger kostümierten Gestalten weiblichen Geschlechts waren und dass der Alkohol unter weit weniger TeilnehmerInnen aufgeteilt werden musste als z. B. in Köln. (Erst später erfuhr ich, dass das Team neben Bildern vom Berg-Karneval auch Aufnahmen eines alles andere als oberflächlichen, sondern sehr phantasievollen und den alten Mythen treuen Walpurgis-Spiels der Mittelaltergruppe Spilwut mitgebracht hatte.)

Attach:BrockenHexe_Flugsalbe.jpg Δ

Frau Sambuchi suchte ein Gegengewicht zu den bunten, schrillen und beschwipsten Brockenhexen. Schließlich sollte es in der Sendung nicht um Sprit, sondern um Spiritualität gehen. Wie sich schnell herausstellte, wollte sie uns Heiden und Hexen nicht nach gleichfalls bewährtem Muster in die Pfanne hauen, sprich, in die rechtextreme ( "Odin gab mir den Befehl!" ), in die satanistische ("Satan gab mir den Befehl"!) oder in die esoterisch-versponnene ("der Kosmokrat DaGlausch aus der Galaxis Ra-Staad gab mir den Befehl!") Ecke stellen. Stattdessen sollten wir mit dem gleichen Respekt behandelt werden, wie die gleichfalls in der Sendung vorkommenden Vertreter christlicher Kirchen.

Ich horchte auf: "Das klingt nach einer wirklich guten Chance, Martin! Dranbleiben!"

Also geduldig die Fragen der Journalistin beantworten. Lang und breit erklären, was einen Berg nach heidnischer Vorstellung zum heiligen Berg macht, was Beltaine für eine Bedeutung hat, was Magie für eine modernen Hexe heißt, was "naturreligiös" und heidnische Mystik für mich bedeutet, in welchem Sinne Berge auch für bestimmte Bergsteiger und Bergwanderer heilig sind usw. . Und für Vorschläge offen sein.

Wen drehen wir wann wo?

Schließlich wurde ein Dreh mit dem Rabenclan vereinbart: Frau Sambuchi fragte mich, wen ich für Aufnahmen und ein Interview empfehlen würde. Ich nannte mehrere Namen und Kontaktadressen von bewährten Rabenclanern. Für ein "Wicca-Ritual mit Erklärung", das im Gespräch war, empfahl ich z. B. den Kontakt zu Ursus und Castanea, für das "Walpurgisnacht"-Interview meine bewährten und erfolgreichen "Amtsvorgänger", den einzigartigen Fjörnir Eibensang alias Duke Meyer. Duke bietet nämlich die seltene Kombination aus überragendem Fachwissen, echtem Showtalent und solider Schauspielerfahrung. Außerdem ist er Veteran mach heißem Fernsehauftritts.

Natürlich nahm die Fernsehjournalistin auch mit einigen andern Hexen und Heiden Kontakt auf. Dabei überzeugte sie durch gute Recherche: Eine gewisse "Hexe", bekannt aus auflagenstarken bunten Büchern, Artikeln in Klatschzeitschriften und Talkshows, wurde von ihr auf Anhieb als "keine echte Hexe" identifiziert. Ganz nebenbei fragte sie mich, ob auch ich zu einem Interview bereit wäre, und wenn ja, wo. Das Gespräch mit mir hätte sie beeindruckt, vor allem, was ich zum Bergtourismus zu sagen hatte. Nun, ja ? ich verwies auf Duke, der könne so was besser.

Schließlich, es war mittlerweile Juni geworden, war es spruchreif: Ich - und nicht Duke - solle für die Sendung interviewt werden. Fragt sich nur, wo (in meiner Wohnung schon mal nicht). Ich schlug vor, dass es am Einfachsten wäre, wenn ich nach Berlin käme, um mein Gesicht in die Kamera zu halten und meine Sprüche abzulassen.

Wie es denn kam: der Berlin-Dreh wurde nichts, weil offensichtlich optisch zu wenig hergäbe. Man wolle mich lieber auf dem Brocken interviewen.

Attach:BrockenHexe_zdfhexe.jpg Δ

Ich zögerte. Der Harz und speziell die Gegend um den Brocken herum ist eine wunderschöne Gegend zum Wandern und Filmen. Allerdings wollte ich nicht den falschen Eindruck verfestigen, der Blocksberg sei nun "der" heilige Berg der Hexen. Auch die optische Nähe zu den "Karnevalshexen" behagte mir gar nicht. Skeptisch war ich auch wegen des Verhältnisses von Aufwand und Ergebnis: Bei einer 30-minütigen Sendung mit Magazincharakter rechnete ich damit, maximal 2 bis 3 Minuten präsent zu sein, wenn nicht weniger. Nur um ein paar Sätze zu sagen, die dann vielleicht nur aus den "Off" kämen, würde man mich aber nicht in den Harz schicken. Also ein langes Interview und viel schöne Landschaft. Bei einem langen, vielleicht halbstündigen, Interview kann es einem durchaus passieren, dass man sich bei geschickter Fragestellung schlicht "verplappert" und etwas sagt, was man nicht sagen wollte. Außerdem kann man aus so viel Material wunderschön nahezu beliebige Aussagen zurechtschneiden. Dazu noch viele schöne Bilder, mit denen man "spielen" kann - nee, lieber nicht! Meine Skepsis wurde von den übrigen Mitgliedern der AG Öffentlichkeitsarbeit des Rabenclan, die ich ständig auf dem Laufenden hielt, noch bestärkt.

Chirara Sambuchi, die auch Regie führen würde, beruhigte mich. Es würde kein "klassisches" Interview werden, sondern ich könne meinen Standpunkt (mehr oder weniger) in freier Rede darlegen, während ich bei einer Wanderung zum Gipfel des Brockes vom Aufnahmeteam begleitet würde. Ich bräuchte keine Angst vor Fangfragen haben und nichts würde gesendet werden, mit dem ich nicht einverstanden wäre.

Ich vertraute ihr, obwohl sie nach wie vor enorme Manipulationsmöglichkeiten hatte. Dieses Vorgehen gab mir nämlich auch die Chance, frei und wiederholt meine Schwerpunkte auszusprechen, was beim einen normalen Interview nicht der Fall ist.

Nun, frei nach W. v. Goethe, Faust I, dem Stück, dass den Brocken berühmt machte, die modifizierte Gretchenfrage: "Wie hälst Du's mit der Sensation?"

Mein Eindruck war, dass es sich um eine durch und durch seriöse Produktion handelte. "Lavafilm" und auch Frau Sambuchi hatten sich mit guten Dokumentationen und Reportagen einen Namen gemacht, die Doku "Das Gewissen der Welt", an der sie mitgearbeitet hatte, war mir in bester Erinnerung. Pluspunkte sammelte sie bei mir dadurch, dass sie überhaupt nichts vom "Hexenspektakel" auf dem Brocken hielt. Sie wollte die (Karnevals-) Bilder von der "Walpurgisnacht am Brocken" mit meinem kritischen Kommentar unterlegen.

Übrigens stellte sich dabei auch heraus, weshalb sie mich und nicht Duke Meyer haben wollte: Duke Stärken als "Performer" würden erst bei längeren Beiträgen voll zum Tragen kommen, bei einen Kurzauftritt bliebe womöglich nur der "schräge" erste Eindruck des bunten Singvogels Duke hängen. Sie wolle einen bewussten Kontrast zu den berauschten Hexen, aber auch zu den gerne im Fernsehen im doppelten Wortsinn vorgeführten "Eso-Spinnern", jemanden, der auf Anhieb seriös wirkt.

Ein harter Brocken für das Fernsehteam

Samstag, 14. Juni, 12 Uhr, Schierke (Hochharz), großer Parkplatz, 23 Grad, heiter, schwach windig, leichtes Freizeitpark-Aroma.

Mit gemischten Gefühlen betrachtete ich die hübsch-hässlichen Attach:BrockenHexe_Brocken.jpg Δ holzgeschnitzten und plastikgegossenen Brockenhexen, Hexenlikör-Fläschen, allen erdenklichen und unerdenklichen Hexenkitsch und die "Hexenbahn" (ein als Bimmelbahn getarnter Zubringerbus zum etwas entfernt gelegenen Bahnhof der "richtigen" Brockenbahn.). Ich war schon dankbar, dass die Imbissbude nicht etwa "Hexengrill" hieß. Meine Bedenken, ob der Brocken der geeignete Drehort war, lies ich mir nicht anmerken, obwohl mir andere Harzorte passender erschienen: die Eresburg oder zumindest der Hexentanzplatz in Thale oder der markante Wurmberg, der in den lokalen Sagen mindestens so bedeutend wie der Brocken ist. Allerdings sind diese Orte weniger bekannt. Den Wurmberg konnte man übrigens vom Parkplatz aus sehen, den Brocken nicht.

Für den Kameramann und den Assistenten wurde es nun anstrengend, denn eine professionelle Fernsehausrüstung unterscheidet sich von Gewicht her doch etwas von der eines Videoamateurs, und der von uns gewählte Weg zum Brockengipfel führte auch über eine malerische Steilstrecke. Ein harter Brocken für das Team. Dafür durfte ich viele Strecken für viele Takes gleich mehrfach erwandern, was mich lebhaft an einen Job als Filmkomparse erinnerte. MM munter ausschreitend im Wald, MM im Winnetou-Stil in die Ferne und auf den Wurmberg blickend, MM beim Klettern über Felsen, MM auf dem Rastplatz, Kaffee aus der Thermosflasche trinkend. Fast ein Spielfilm.

Während wir anfangs ungestört drehen konnten und die Gesprächs-Passagen einfach am Wegesrand aufnahmen, wurde das mit zunehmender Gipfelnähe schwierig, denn die zahlreichen Wanderwege mündeten in einen Hauptweg zum Gipfel ein, der entsprechend frequentiert war. Infolgedessen mussten auch immer mehr neugierige Fragen von Wanderern beantwortet werden - zum Glück nicht von mir. Dazu pfiff von Zeit zu Zeit schrill eine Dampflok der Brockenbahn dazwischen. Und die Insekten wurden immer zudringlicher. Wegen des regen Ausflugsbetriebs wichen wir für die letzte Gesprächspassage in den Wald aus, von hungrigen Stechmücken umschwirrt. (Diese Szene ist in der gesendeten Fassung enthalten.) Frau Sambuchi, der Kameramann und der Assistent wurde laufend gestochen - ich nicht. Sie bewunderte die stoische Ruhe, mit der ich die Belästigung durch die Insekten ertrug, ich antworte wahrheitsgemäß, dass sie mich nicht belästigen. Wenn ich nun, ebenfalls wahrheitsgemäß, gesagt hätte, ich hätte einen Schutzkreis um mich visualisiert, dann hätte ich die Chance gehabt, echte Magie in Fernsehen zu zeigen. Ob eine entsprechende Bemerkung aus dem "Off" etwas genützt hätte? Kaum, ich lese den "Skeptiker" und weiß, wie man "paranormale" Phänomene wirksam wegdiskutieren kann, z. B. hätte ich ohne weiteres heimlich ein Insekten-Abwehrmittel benutzt haben können. Ich wollte außerdem auf keinen Fall als "Wunderguru" dargestellt werden, und ich wusste, bis ich es einfach ausprobierte, selber nicht, ob es funktionieren würde. Nicht zuletzt fürchtete ich den Zorn des Kameraassistenten, den in nicht in dem Schutzkreis einbezogen hatte - der Ärmste sah nach dem Dreh fast wie ein Leprafall aus.

Und Inhalt hatten wir auch!

Selbstverständlich habe ich vor der Kamera klargestellt, dass in vorchristlicher Zeit eigentlich jeder markante Berg zum heiligen Berg werden konnte und dass es bis zur frühen Neuzeit im Volksglauben zahlreiche "Hexentanzplätze" gab: Jede Landschaft hatte ihren "Blocksberg". Erst Johannis Prätorius und von ihm beeinflusst Goethe verankerten den Brocken als "Hexenberg" im Bewusstsein der Deutschen. Ich betonte mehrmals, dass der Brocken deshalb ein "heiliger" Berg ist, weil er a) der höchste Berg im Harz ist und b) von Goethe im Faust I erwähnt wurde. Kein "besonders mächtiger Kraftplatz", kein "besonders wichtiger alter Ritualort". (Um neugierige Fragen gleich vorweg zu beantworten: Ja, der Brocken ist nach meinem Gefühl durchaus ein Kraftort. Ich kenne aber zahlreiche Orte mit ähnlicher Wirkung, der nächste ist gerade einmal drei Minuten zu Fuß von meiner Wohnung entfernt.)

Auf spezielle Ritualpraktiken ging ich nicht ein. Dafür erwähnte ich die unterschiedlichen Richtungen des Neuheidentums: Wicca, freifliegende Hexen, Asatrú, keltisches und slawischen Heidentum. Ansonsten erzählte ich einiges von heidnischer Mystik und von nichtchristlicher Spritualität. Da Frau Sambuchi Philosophie studiert hatte, driftete das Niveau manchmal in vermutlich nicht fernsehtaugliche Höhen ab. Allerdings kam ich mir dabei wenig souverän vor, suchte oft nach der besten Formulierung, hatte auch einige Takes durch Stammeln und "Faden verlieren" geschmissen. Leichter fiel es mir, über die "Natur" in "naturreligiös" zu reden. Ich sprach über die besondere subalpine Vegetation, die den Brocken zum "heiligen Berg der Biologen" macht, wies auf markante Pflanzen und Steine hin, erwähnte mein zwiespältiges Verhältnis zur Dampf-Kleinbahn in einem Nationalpark, auf die sichtbaren Folgen von Fichten-Monokulturen und sauren Niederschlägen, aber auch auf die Erfolge des Natur- und Umweltschutzes. Das alles, weil mir der Naturschutz wirklich sehr am Herzen liegt, zum anderen auch, weil die Liebe zur Natur beim breiten Publikum gut ankommt, auch bei "komischen Typen" wie "freifliegenden Hexen, männlich".

Ich schaffte es sogar, das antirassistische Profil des Rabenclans zu erwähnen.

Auf dem Gipfel angekommen, sprach ich mein "Schlusswort": was mir der Brockengipfel bedeute? Der Gipfel an sich wenig, die Landschaft, die einzigartige Natur, die besondere Atmosphäre des Hochharzes umso mehr. Nicht von ungefähr hatten sich Künstler wie Goethe, Heine oder Friedrichs von dieser Landschaft inspirieren lassen. Da ich bemerkt hatte, dass Chiara Sambuchi eine gewisse Vorliebe dafür hatte, konnte ich es mir nicht verkneifen, einen abgewandelten taoistischen Spruch zu bringen: "Was mir der Gipfel bedeutet? Der Weg war das Ziel." Ihr breites Grinsen und ihr hochgereckter Daumen zeigten, dass ich damit richtig lag.

Der Abstieg erfolgte, dem ermatteten Kamerateam und einem gewissen Zeitdruck zuliebe, mit der Kleinbahn.

Alles in Allem ein gelungener Wandertag, der mir sehr viel Spaß gebracht hatte.

Das Ergebnis: gute eineinhalb Minuten

Zuerst etwas Statistik: Von den 28 Netto-Minuten der ZDF-Sendung bleiben 3 Minuten 40 Sekunden für den Bocken. Hiervon verblieben ziemlich genau 1 Minute 30 Sekunden für meinen "Aufritt". Zu allem Überfluss wurde die Sendung spät abends, um 22:45 Uhr, gesendet, an einem Dienstag.

Ein mageres Ergebnis? Zumal genug Material vom Brocken vorlag, um die halbe Stunde komplett füllen zu können?

Was mich betrifft, bin ich dennoch mit der Sendung zufrieden. Die wesentlichen Kernaussagen kamen rüber. Eine Minute pointierte Aussage ist mehr Wert als eine Stunde nichtssagendes Talkshow-Gelaber.

Ich wurde, wie versprochen, nicht in die Pfanne gehauen. Der gewollte Kontrast zu den verkleideten "Hexen" auf der Walpurgis-Party war deutlich, ich wirkte, wie beabsichtigt, normal und seriös - eine Zuschauerin meinte, wie ein Oberstufen-Lehrer (bis auf den Pentagramm-Anhänger). Meine Aussage: "Das hier, die Natur, ist mein Kirche, mein Tempel" fand viel Zustimmung,. mein Satz: "Ich definiere mich als heidnischer Mystiker und als frei fliegende Hexe, männlich", löste die gewollten Irritationen aus, auch wenn die Erklärung, was das bedeutet, wegfiel. Was vielleicht nicht schlimm ist, denn Fragen, die man irritiert selber stellt, führen weiter als fertige Antworten. Der Klischeebruch ist mir dank des Lavafilm-Teams und Chira Sambuchi gelungen. Ja, und der "Rabenclan"-Schriftzug wurde auch eingeblendet.

Auch der Zusammenhang in der Sendung als Ganzes gefiel mir: Der Brocken mit mir und den "Hexen" machte den Auftakt.

Es folgte ein Bericht über den "Heilige Berg von Heroldsbach" in Franken, wo 1951 eine Hausfrau Marienerscheinungen auf der "Himmelswiese" hatte. Anfangs von der katholischen Kirche verboten, inzwischen geduldet, machte der Marienkult das fränkische Dorf zu einem Zentrum einer mitunter naiven Volksfrömmigkeit.

Mit kleinen Abstrichen gut war ein längerer Beitrag über eine keltische Schanze im Voralpenland, mit einem vom "Schamanen" Christian Vogel geleiteten Rauchopfer-Ritual "für Anfänger". (Kleine Beckmessereien am Rande: Was haben die Kelten mit den Indianer zu tun? War das Thing nicht gerade ein typisches Merkmal der germanischen Kultur? Dass die keltischen Druiden schon Radioaktivität gekannt haben sollen, halte ich für ein Gerücht. Und, Christian, Dein Werbe-T-Shirt mit Webadresse war schon ein bisschen dreist.)

Attach:BrockenHexe_proberg.jpg Δ Eine gewisse Schadenfreude löste der Beitrag über die geschäftstüchtigen Mönche des Benediktiner-Kloster Andechs aus. ("Wenn dieser Berg ruft, kommen die Durstigen in Scharen.") Dort gibt es außer gutem Bier und allerlei Devotionalien-Krimskrams auch extrem teure Manager-Seminare. (Satte 1500 Euros für ein Wochenend-Semininar über die Ordensregeln des heiligen Benedikts.) Diese und andere fragwürdige Seite der Frömmigkeit wurden trocken und ohne hämische Kommentare bloßgestellt, genau so, als wäre es kein Kloster eines alteingesessenen katholischen Ordens, sondern das einer obskuren "Sekte".

Es folgte ein Beitrag über den sächsischen Bergsteiger Götz Wiegand, für den Berge in gewisser Weise heilig sind. Respekt nicht nur vor den sportlichen Leistungen, sondern gerade für seine die Natur heiligende Einstellung!

Abgeschlossen wurde "Gipfel und Götter" mit einer kleinen Bergkapelle auf dem Gipfel des Wallbergs (beim Tegernsee in den bayrischen Alpen) in dem evangelische Berggottesdienste stattfinden. Eine sympathische, unprätentiöse und unfanatische Form der Frömmigkeit, die zeigt, dass "Naturreligiösität" im weitesten Sinne in der sonst spirituell eher nüchternen evangelischen Kirche möglich ist.

Natürlich wendet sich diese Sendung, wie die gesamte dreiteiligen Sendereihe "Heilige Stätten in Deutschland" nicht praktizierende Naturreligiöse, sondern an ein breites Publikum ohne Vorkenntnisse. Von daher greift die Kritik, die Reihe sei zu seicht, ins Leere. Etwas mehr Sendezeit hätte ihr aber gut getan.

Aus heidnischer Sicht können wir mit dem Dreiteiler zufrieden sein. Endlich wurden religiöse Außenseiter - Neoschamanen, Neu-Heiden, Hexen, Geomanten - nicht wie so oft in die "Sekten" oder "Spinner"-Ecke gestellt. Es fehlten die moralisierenden warnende Untertöne, die so oft erklingen, wenn sich das öffentlich-rechtliche Fernsehen mit "Esoterik" im weiteten Sinne befasst, genauso, wie die sensationsheischenden Töne bunter Vorabendsendungen Stattdessen gab es deutliche Kritik an einigen Pilgerstätten der etablierten Kirchen - und das im "Kirchensender" ZDF.

Wir, als Heiden, wurden endlich einmal mit dem selben Maß gemessen, wie katholische und evangelische Christen - nicht besser, aber auch nicht schlechter. Und wir sahen dabei nicht schlecht aus!

Es hat mich übrigens sehr gefreut, dass ein Fernsehjournalist - Hajo Bergmann in der Folge "Macht und Magie" - ausdrücklich darauf hinwies, dass bei den Sommer-Sonnenwend-Feiern an den Externsteinen keine Neonazis zu finden waren. Die Gleichsetzung von Sonnenwendfeiern mit Rechtsextremismus gehört zu den für echte Neuheiden ärgerlichsten Klischees.

Lob und Dank an die Teams von "Heilige Stätten Deutschlands"!

Ich wünsche mir ein möglichst schnelle Wiederholung der Serie, etwa auf 3Sat - ab besten zu weniger nachtschlafender Zeit.

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