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28.04.2017, 09:55

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Ein neues grenzüberschreitendes Opfer



Die Ausstrahlungskraft der Tantramassage und ihr Potential zur Gesellschaftsveränderung ist wahrscheinlich eher begrenzt. Doch gerade wenn man ihre geschichtlichen Dimensionen einbezieht, setzt sie in dem symbolischen Gefüge unserer Kultur eine Pointe, deren Wirkung man noch nicht abschätzen kann:

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Hugh Urban: "Power of Tantra"; I.B.Tauris Publishers; 2003

Hugh Urban hat anhand der tantrischen Kultur in Assam beschrieben, welche fundamentale Rolle dem Blut innerhalb des flüssigen Kräftenetzwerks zukommt, das sowohl den Kosmos, den sozialen Organismus und den Körper durchzieht: Von den Festen, die zur Feier der jährlichen Menstruation der Göttin in den Tempeln gefeiert werden, fließt es zu den Priestern, die Opferungen darbringen. Von der Göttin als Zerstörerin der Dämonen fließt es zum König, der das Blut der Feinde vergießt. Von dem „unteren Mund“ der Frau fließt es in der tantrischen Vereinigung zum Mann, von den Meistern zu den Schülern. Sein Vorhandensein kennzeichnet Reinheit und Unreinheit. Es ist Kraft, Botenstoff, Essenz zugleich, zirkuliert zwischen den Geschlechtern, Menschen, Göttern und Institutionen, verbindet sich mit der Macht und den Begehrlichkeiten.

Urbans Analyse weist nicht zufällig Ähnlichkeiten mit einer anderen auf Flüssigkeiten aufbauenden Mythologie auf, die Michel Foucault bei seinen berühmten Untersuchungen zur Entstehung der modernen Sexualität skizziert hat. Foucault beschrieb im ersten Band von „Sexualität und Wahrheit“, wie sich die europäische Feudalgesellschaft des Blutes als fundamentaler mythologischer Essenz zur Steuerung ihrer gesellschaftlichen Funktionen bediente. Die Unterteilung in Stände und Ränge, die Organisation legitimer Machtansprüche und politischer Bündnisse, die Steuerung von Menschen durch herrschaftliche Gewalt – überall ist in der Feudalgesellschaft die Symbolik des Blutes allgegenwärtig, wie Foucault zusammenfasst: „Sein Wert liegt in der instrumentellen Rolle (Blut vergießen können), in seinem Funktionieren innerhalb der Ordnung der Zeichen (ein bestimmtes Blut haben, vom selben Blut sein, bereitwillig sein Blut wagen) und auch in seiner Gefährdetheit (es ist leicht zu vergießen, und droht zu versiegen, es vermischt sich nur allzu leicht und verdirbt im Nu).

Die Geburt der modernen Gesellschaft ist für Foucault dagegen eng verwoben mit einer neuen zentralen Kategorie. Hier taucht der Mythos einer verborgenen, gefährlichen Macht auf, die unser Streben heimlich steuert und zugleich immerfort hintergeht: die Sexualität. Während der Adel und die nach ihm orientierte Kultur um eine Symbolik des Blutes kreiste, wird unsere bürgerliche Gesellschaft seit der Frühzeit ihrer Entstehung von einer Analytik der Sexualität beherrscht. Der Sex ist die neue unheimliche, aber auch kostbare Kraft, die das Schicksal des Menschen, seine Gesundheit und sein Funktionieren in der Gesellschaft bestimmt − und deshalb ergründet, verstanden, geleitet werden muss.

„Sexualität“ als Gegenstand des Wissens und Forschens war nicht einfach in unserer Welt da. Sexualität ist eine Erfindung. Sicher: Alle Kulturen kennen zwar den Geschlechtsverkehr und das Kinderkriegen, manche tantrischen Traditionen mögen auch die körperliche Erregung mit so etwas sublimem wie einer kosmischen Energie (Kundalini) in Verbindung bringen. Aber das ist etwas anderes als die moderne „Sexualität“. Vom 17. bis zum 19. Jahrhundert wird aus dem Lieben und Begehren, dem Miteinanderschlafen und dem Hand-an-sich-Legen, aus der Schädelgröße und dem Körperwuchs, den Schulnoten, den kriminellen Karrieren und der Schwindsucht ein neuer übergreifender Wissensgegenstand geformt, der all diese Dinge in einen inneren Zusammenhang bringt. Der Sex als dahinterstehendes Prinzip wird durch Untersuchungen und Prozeduren, die ihn hier und da und dort vermuten und aufspüren wollen, sowie durch daraus abgeleitete Steuerungsmethoden menschlichen Verhaltens erst geschaffen – und das mit weitreichenden Folgen.

Aufbauend auf seiner jahrelangen Analyse zahlloser historischer Beispiele zeichnet Foucault ein eindringliches Bild, wie eine Vielzahl an Institutionen und mikroskopischen Machtmechanismen der modernen Gesellschaft auf der Analytik des Sexes gründen: Die Gefahr der fehlgeleiteten kindlichen Sexualität (Masturbation!) leitete die frühe Pädagogik und das Schulwesen des 18. Jahrhunderts an. Das Problem der weiblichen Hysterie und dessen angeblicher sexueller Ursache wurde im 19. Jahrhundert der Ausgangspunkt für die medizinische Erschließung des weiblichen Körpers. Anhand des Perversen wurde der sexuelle Trieb zum ultimativen Schlüssel für das Verständnis unserer Seele erklärt. Zugleich war der Perverse die zentrale Gestalt für Kriminologie und Psychiatrie, an dem die systematische Korrektur gefährlicher Verhaltensanomalien eingeübt wurde. Das Fortpflanzungsverhalten der Paare schließlich wurde der Konzentrationspunkt der neu erfundenen staatlichen Gesellschaftspolitik: Ökonomische Vorgaben und Verhaltensmaßnahmen für die demografische Steuerung der Fruchtbarkeit der Eheleute sowie Volkshygiene zur Vermeidung von sexuell übertragbaren Epidemien.

Vor allem aber wurde die Sexualität der Geburtshelfer jenes besonderen Innenraums, den sich die moderne westliche Gesellschaft erfand: der Psyche. Die Institutionen und Praktiken, die im zwischenmenschlichen Austausch wie im Umgang mit sich selbst den komplexen seelischen Innenraum des modernen Individuums erschufen, sind von den Praktiken zur Aufspürung und Analyse des Sexes nicht zufällig vielfach durchsetzt. So wandert zum Beispiel das Geständnis der sexuellen Akte und heimlichen Begierden von der Beichte gegenüber dem Priester im 17. Jahrhundert zum Arzt in der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts und von dort weiter zum Psychologen. (Nachdem seit den 60er-Jahren die Galeonsfiguren der Humanistischen Psychologie psychologische Methoden in breiten Bevölkerungskreisen populär machten, landete es im 20. Jahrhundert schlussendlich auch in der tantrischen Selbsterfahrungsgruppe.) Seit dem Anbruch der bürgerlichen Gesellschaft ist das Aufspüren des Sexes unentwirrbar mit der kulturellen Konstruktion dieses besonderen Ortes „in uns drin“ verknüpft: „In welchen Winkel deines Wesens lauert dein Begehren? Was ist die geheime Mechanik deines Daseins?“ Innerlichkeit und Sex sind Zwillingskinder.

Hält man sich diese moderne Mythologie einer problematischen, alles menschliche Verhalten durchziehenden sexuellen Kraft vor Augen, wird deutlich, was an der rituellen Praxis der Tantramassage so markant ist. Es versteht sich von selbst, dass die Grenzüberschreitung einer westlichen tantrischen Praxis notwendigerweise eine ganz andere als die der vedischen Ordnung sein muss. Das Opfer, um das es ihr geht, kann auch nicht mehr Blut sein, denn dieses ist keine symbolische Währung mehr, die in unserer Gesellschaft Wert hat. Das Opfer der Tantramassage ist etwas Neues: Die eigene Psyche, die zeitweilig aufgegeben wird. Sie wird nun gleichsam den beteiligten Göttern zum Verzehr übergeben. Damit wird dem auf Sex beruhenden mythischen Kräftesystem der Gegenwart etwas entrissen, was eigentlich fundamental mit ihm verwoben ist. Wir werden erst in hundert Jahren wissen, ob dies eine Belanglosigkeit oder Ausdruck eines Zersetzungsprozesses der mythischen Grundlagen unserer Gesellschaft ist.




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