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Hans Schuhmacher Germanische Frau Frauen Kriegund Keuschheit
28.04.2017, 09:55

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Kapitel 2: Vorgehensweise

Kapitel 3: Taciteische Zeit: Die Frauen, der Krieg und die Keuschheit

Attach:HansSchuhmacherGermanischeFrauFrauenKriegundKeuschheit_tacitusprofil.jpg Δ Als der römische Politiker und Autor Tacitus sein Werk "De origine et situ Germanorum liber" verfasste, zu Beginn des zweiten nachchristlichen Jahrhunderts, existierte die germanische Kultur seit etwa sechshundert Jahren, sehr im Gegensatz zu Tacitus´ Ansicht und der Behauptung der Germanen selbst, "schon immer" dort ansässig bzw. die Ureinwohner des Landes zu sein. Tacitus´ Auffassung erklärt sich in erster Linie dadurch, dass Griechen und Römer Geschichte als etwas ihnen selbst Eigentümliches ansahen und "Barbaren" grundsätzlich als geschichtslos einstuften. Was die Behauptung der Germanen selbst angeht, so ist die Selbstsicht als "Ureinwohner" bei Stammesgesellschaften auch dann nicht ungewöhnlich, wenn ganz offensichtlich Veränderungen und Migrationen vorliegen - es gilt stets zu bedenken, dass andere Kulturen andere Wahrheitsvorstellungen haben.

Bereits hier begegnen wir also einem Widerspruch zwischen der modernen wissenschaftlichen Wahrheit und der Wahrheit der Germanen, und auch die Wahrheit der Römer spielt hier bereits eine Rolle. Dieses Thema - nämlich das der verschiedenen Wahrheiten - wird uns von jetzt an auf Schritt und Tritt begleiten.

Die germanische Kultur entstand im Kontext eines kontinentüberspannenden Umbruchs, der sich in der Vorgeschichtsforschung als Übergang zwischen der älteren und der jüngeren Eisenzeit darstellt. Von Frankreich bis Tschechien werden Grabbräuche abrupt durch völlig andere ersetzt, eine sich durch sogenannte "Fürstengräber" abzeichnende herausgehobene Schicht verschwindet aus dem Blick der Archäologie, in Mitteleuropa tritt die mit den Kelten identifizierte Kultur hervor. Aber auch dieser Umbruch hatte einen womöglich noch dramatischeren Vorgänger, nämlich die Ausbreitung der Eisentechnologie und das Ende der Bronzezeit etwa dreihundert Jahre zuvor. Man tut also gut daran, sich das vorgeschichtliche Europa nicht als ein gleichförmiges Dahindämmern vorzustellen, denn diese Vorstellung ist mit Sicherheit falsch. Was die germanische Kultur betrifft, so entstand sie anscheinend abseits der Kernräume der alteisenzeitlichen Kulturen, man darf aber davon ausgehen, dass die benanntem Umbrüche auch dort, am Fuß der Halbinsel Jütland, Auslöser einer Veränderung waren.

Ich erwähne das Entstehungsszenario überhaupt nur, um bestimmten weitverbreiteten Vorstellungen zu begegnen und kann hier keinesfalls Exkurse über Vorgeschichtsforschung und Sprachwissenschaft einflechten. Wirft man aber einen Blick auf das Feld der Publizistik, so geistern dort die geschichtslosen Barbaren als "Menschen im Naturzustand" durchaus noch herum, verehrt von den einen, geschmäht von den anderen, wissenschaftlich gesehen aber in jedem Falle nichtexistent, so sehr die "Natur-Menschen" von verschiedener Seite auch ideologisch gebraucht werden. Gerade in der völkischen Biorobotik spielen die Germanen als "Ureinwohner" ohne jegliche Historizität, genetisch und nicht kulturell definiert, freilich eine fundamentale Rolle. Sie sind dort in der Tat derart wichtig, dass die Ureinwohnerthese als Indiz völkischer Thesen verwendet werden kann - peinlich im Übrigen für diejenigen, die sie nachplappern.

Es geht mir hier aber nicht nur darum, die völkischen Ideologen und einen Großteil der Publizisten zu widerlegen, sondern vor allem um etwas unser Thema Betreffendes: wir wollen sehen, wie germanische Frauen in ihren Gesellschaften agierten und gesehen wurden, um vielleicht Vermutungen darüber wagen zu können, wie sie sich selbst sahen. Es ist wichtig, dieses Agieren und Gesehenwerden als die Folge historischer Prozesse zu begreifen, zumal wir (wie noch deutlich werden wird) von Frauen als sehr aktiven Mitgestalterinnen ihrer Gesellschaften ausgehen müssen. Wenn sich für uns quasi durch die wissenschaftliche Brille gesehen das Entstehen einer Kultur abzeichnet, so bedeutet das Prozesse der Veränderung und Aushandlung für die Menschen, die diesen Prozess erlebten. Eine Kultur beruht immer zu einem gewissen Grad auf Konsens, nämlich auf Konsens darüber, was als wahr gilt und gelten kann, mögen die Interessengegensätze innerhalb der Kultur auch noch so groß sein. Eine neue Kultur bedeutet einen neuen Konsens der Wahrheit, ganz unabhängig davon, ob die Angehörigen der Kultur dem beipflichten oder behaupten, was wahr sei, sei "schon immer" wahr gewesen. Entsteht eine Kultur, wird Wahrheit ausgehandelt.

Ein Beispiel: eine scharfe Auseinandersetzung zwischen Marxisten und Neoliberalen innerhalb der christlich-abendländischen Kultur geht von sehr vielen Gemeinsamkeiten beider Positionen aus und ist sogar von ihnen abhängig: Marxisten und Neoliberale sind sich einig über die "Natur", als "schon immer so gewesen", objektiv erforschbar, passivem Objekt und zur Aneignung offener Ressource. Sie sind sich völlig darüber einig, was "Eigentum" ist. Über Menschen und die Eigenschaften, die ihnen "natürlicherweise" innewohnen, sind sie sich ebenfalls weitgehend einig. Tritt jetzt als dritte Gruppe ein Segment der Ökologiebewegung auf den Plan, das die "Natur" gegen beide Gruppen verteidigen möchte, stimmen nunmehr alle drei immer noch in den allermeisten Punkten völlig überein. Diese Gemeinsamkeiten aber sind essentielle Gemeinsamkeiten der christlich-abendländischen Kultur, Wahrheiten für alle drei Gruppen, aber keineswegs für den Rest der Menschheit und auch nicht für die Humanwissenschaften.

Die römische Perspektive

Die germanischen Frauen zu Lebzeiten des Tacitus lebten und handelten innerhalb eines Konsens der Wahrheit, der für ihre Kultur essentiell war. Wenn sie ihre Wahrheit vielleicht auch als ewige Wahrheit ansahen, so war sie es wissenschaftlich betrachtet nicht, sie war das Ergebnis eines Jahrhunderte zurückliegenden Aushandlungsprozesses, der freilich in keiner Kultur jemals ganz abgeschlossen oder frei von Umbrüchen ist. Diesen Aushandlungsprozess der Wahrheit nennt man Diskurs. Der Diskurs regelt nicht nur, was als wahr gelten kann, sondern auch, wer in welcher Form an diesem Prozess beteiligt ist und wer nicht.

Bei der Erforschung des germanischen Diskurses und der Rolle der Germaninnen in ihm stoßen wir sofort auf ein schwieriges Problem. Tacitus, der hier als Beispiel eines Berichterstatters dient, gehörte nicht nur einer völlig anderen Kultur an, sondern gleichermassen einer Kultur, die sehr stark dazu neigte, ihre eigenen essentiellen Wahrheiten auf andere Kulturen zu projizieren und blind dafür zu sein, dass es andere Konsense der Wahrheit überhaupt geben konnte, wie das bei der christlich-abendländischen Kultur heute noch der Fall ist. Aber selbst die essentiellen Wahrheiten des Römers Tacitus sind nicht etwa gleichzusetzen mit den essentiellen Wahrheiten der heutigen christlich-abendländischen Kultur.

Heldinnen römischer Erzählungen begingen eher Selbstmord als Ehebruch. Dies war so ziemlich ihre einzige Möglichkeit, als handelnde Personen aufzutreten, von den allermeisten gesellschaftlichen Prozessen waren sie ausgeschlossen. Römerinnen und ihre gesellschaftliche Stellung sind für uns nur insofern relevant, als die soziale Praxis in Rom selbstverständlich der Hintergrund für Betrachtungen des Tacitus bezüglich germanischer Frauen ist. Ein kurzes Zitat aus seinen eigenen "Annalen" mag uns daher einen Eindruck verschaffen: "Im gleichen Jahr versuchte man, durch strenge Senatsbeschlüsse das ausschweifende Leben der Frauen zu steuern. Allen Frauen, deren Großvater, Vater oder Gatte römischer Ritter gewesen war, wurde verboten, sich für Geld preiszugeben. Vistilia nämlich, die aus einer prätorischen Familie stammte, hatte bei den Ädilen ihre schändliche Feilheit bekannt gegeben, nach jener althergebrachten Sitte, die im bloßen Bekenntnis der Schande eine genügende Strafe für unzüchtige Frauen zu finden glaubte. Titidius Labeo, der Gatte Vistidias, wurde ebenfalls zur Rede gestellt, warum er gegen seine des Verbrechens überführte Gattin nicht die gesetzliche Strafe in Anspruch genommen habe. Da der Gatte vorgab, die gesetzliche Bedenkzeit sei noch nicht vorbei, begnügte man sich damit gegen Vistilia zu erkennen; sie wurde auf die Insel Seriphus verwiesen." (2) Vornehme Römerinnen prostituieren sich, weil sie keine andere Möglichkeit haben, sich Geld zu beschaffen. Der Gatte gerät in Schwierigkeiten, weil er nicht die Obrigkeit gegen seine Frau auf den Plan ruft. Der Senat stopft jetzt auch diesen Weg zu rudimentärer Eigenständigkeit zu, die "sittenlose" Übeltäterin wird verbannt. Tacitus´ gesamtes Werk ist voll von "Sittenlosigkeit" und "Lasterhaftigkeit" von Frauen, gegen die, wie man sieht, sogar der Senat mit aller Ernsthaftigkeit auf den Plan treten muss. Die angeführte "althergebrachte Sitte" verweist freilich auf Verhältnisse, in denen die totale soziale Ächtung ins Kalkül gezogen war.

Es sei noch kurz der Fall Kleopatra erwähnt, deren politische Erfolge trotz nahezu aussichtsloser Lage außerordentlich bemerkenswert waren und deren letztendliches Scheitern keineswegs so zwangsläufig war, wie es häufig dargestellt wird. Kleopatra wurde von römischen Autoren derart mit Schmähungen und verzerrten Darstellungen bedacht, dass sie heute als "leidenschaftliche Liebende" durch Film und Literatur geistert - eine Verbrämung der "sittenlosen Verführerin", die Rom aus ihr machte.

Soweit zur römischen Perspektive im Allgemeinen. Bezüglich fremder Gesellschaften griffen von römischer Seite noch andere Faktoren, die hier von Wichtigkeit sind und die ich daher kurz umreißen werde.

Rom kannte keine Partner und keine Gleichrangigen, es gab lediglich den Unterschied zwischen bereits Unterworfenen, noch zu Unterwerfenden und in dieser Hinsicht Uninteressanten (zu weit entfernt, zu kaltes Land, zu heißes Land ...). Verträge wurden nur aus taktischem Kalkül geschlossen und sofort gebrochen, wenn ihre Nützlichkeit endete. Römische Ethnographie war also stets Feinderkundung. Die Beobachtung von Entscheidungsprozessen in der beobachteten Gesellschaft war aus zweierlei Gründen sehr wichtig: erstens wollte man die Entscheidungen voraussagen können, ehe sie fielen, und zweitens suchte man nach Interventionsmöglichkeiten. Die modern anmutende Vorgehensweise, einen internen Vorgang in einer anderen Gesellschaft als Unrecht zu verurteilen und militärisch über diese Gesellschaft herzufallen gehörte ebenso zum Standardrepertoire der römischen Politik wie das berühmte divide et impera. So sehr man also kulturell projizierte, so sehr bemühte man sich gleichzeitig um Genauigkeit, was die für die römische Politik interessanten Strukturen anbelangte. Ein Gremium herausgehobener Individuen bei einem gallischen Stamm beispielsweise mochte zwar als "Senat" bezeichnet werden, aber man wusste sehr genau, was dieser "Senat" tat und wie er arbeitete.

Es sei gleich hier gesagt, dass es bezüglich germanischer Gesellschaften immer wieder zu gravierenden Fehleinschätzungen von römischer Seite kam, hin und wieder mit katastrophalen Folgen. Vor allem aber stand zu Tacitus´ Zeiten eine zentrale Frage im Vordergrund: wieso schlug man die Germanen nicht?

Wer die Dringlichkeit dieser Frage begreifen will, tut gut daran, sich die militärischen Erfolge Roms seit der Zeit des Zweiten Punischen Krieges ein wenig anzuschauen. Ein historischer Atlas leistet da gute Dienste - nirgendwo sonst war man auf Schwierigkeiten gestoßen, die nur annähernd denen glichen, welche die Germanen verursachten, von denen man genau wusste, dass sie ein Konglomerat im Grunde lächerlich kleiner Stämme bildeten, die sich zudem nicht selten untereinander bekämpften. So erinnert Tacitus seine Leser: "Anders die Germanen: sie haben Carbo und Cassius und Scaurus Aurelius und Servilius Caepio und Maximus Mallius geschlagen oder gefangengenommen und so zugleich dem römischen Volk fünf konsularische Heere entrissen, ja sogar dem Kaiser Augustus den Varus und mit ihm drei Legionen ... man (hat) über sie Siege in jüngster Zeit mehr gefeiert als wirklich errungen." (3)

Siege feiern musste man, selbst wenn das bedeutete, verkleidete Gallier als Germanen kostümiert im Triumphzug mitzuschleppen. Die Art, wie der Krieg tatsächlich geführt wurde, ist bezeichnend - ein solches Unternehmen schildert Tacitus in den "Annalen": "Germanicus übergibt nun vier Legionen, 5000 Mann bundesgenössische Truppen und eilig aufgebotene Truppen linksrheinischer Germanen dem Caecina. Ebenso viele Legionen und die doppelte Anzahl bundesgenössischer Truppen befehligt er selbst, er baut auf dem Taunusgebirge über den Trümmern der von seinem Vater angelegten Befestigungen ein Kastell und führt eiligst das schlagfertige Heer ins Chattenland ..."(4). Es geht um einen Überfall auf einen einzelnen Stamm. Germanicus beabsichtigt, sich schleunigst wieder zurückzuziehen und unternimmt den Überfall überhaupt nur, weil er das aufgrund der Wetterverhältnisse leicht wird tun können (5). Der Feldherrnkollege wird entsandt, um zu verhindern, dass die Chatten Verstärkung erhalten, Germanicus selbst führt das glorreiche Unternehmen mit 20 000 gepanzerten, schwerbewaffneten Berufssoldaten (6) und 10 000 Mann bundesgenössischer Truppen aus! Tacitus brauchte seinen Lesern nicht zu sagen, dass einst acht Legionen (plus Bundesgenossen) das größte Heer gewesen waren, das Rom je aufgeboten hatte, und zwar gegen den Punier Hannibal, als dieser Rom selbst bedrohte. Jetzt setzte man acht Legionen ein, um einen Barbarenstamm zu überfallen und andere Barbaren daran zu hindern, den Überfallenen zu helfen.

Vor eben diesem Hintergrund schrieb Tacitus sein Buch über die Germanen. Es ist weithin bekannt und unumstritten, dass er die Leitfrage warum schlägt man die Germanen nicht? dazu benutzte, seinen Landsleuten und Zeitgenossen folgende Antwort zu geben: weil die Germanen eben jene Eigenschaften haben, die Rom einst zur Größe verhalfen, die Rom aber verloren hat. Dies ist freilich nichts als eine weitere Projektion - und sie war wirkungsvoller, als Tacitus sich das je hätte träumen lassen, wie wir bei der Besprechung der Rezeptionsgeschichte sehen werden.

Das sanctum der Germaninnen

Damit ist der Kontext für den Anfang hinreichend umrissen, und wir können dazu übergehen, zu besprechen, was Tacitus über die Germaninnen sagt.

"Die Germanen glauben sogar, den Frauen wohne etwas Heiliges und Seherisches (etiam sanctum aliquid et providum) inne; deshalb achten sie auf ihren Rat und hören auf ihren Bescheid. Wir haben es ja zu Zeiten des verewigten Vespasian erlebt, wie Veleda bei vielen als göttliches Wesen galt. Doch schon vor Zeiten haben sie Albruna und mehrere andere Frauen verehrt, aber nicht aus Unterwürfigkeit oder als ob sie erst Göttinnen aus ihnen machen (nec tamquam facerent deas) müssten." (7) Ich ließ das Latein aus gutem Grund im Titel stehen, da der Terminus "heilig" völlig andere Assoziationen auslöst als das "sanctum" zur Zeit des Tacitus beim römischen Publikum - der Begriff ist, um es so auszudrücken, anders besetzt. Dies betrifft in erster Line zwei Aspekte: die Charakteristik des Heiligen (was ist das, was bewirkt es?) und seinen Ort (wo ist es?).

Beginnen wir mit der Charakteristik: sie ist aus heutiger Sicht eine doppelte: jedes Wörterbuch liefert Übersetzungen wie "geweiht, heilig, unverletzlich" und dazu "keusch, sittsam" - man vergleiche "sanctimonia", was für "unbescholtenen Lebenswandel, Keuschheit" steht. Dazu kommt aber - und das ist der andere Part der Charakteristik - "sanctio", die Strafbestimmung und "sanctor", der, der verordnet. Für uns ist hier zweierlei von Bedeutung.

Erstens: die Gleichsetzung von "geweiht, heilig, unverletzlich" und "keusch, sittsam" darf uns nach einen kurzen Blick auf die römische soziale Praxis nicht verwundern. Hier zumal geht es um Frauen. Ich möchte betonen, dass es sich dabei um eine kulturelle Kopplung handelt (sanctus ist und bedingt keusch), nicht etwa um ausgestreute Propaganda oder Meinungsmache. Tacitus war klar, dass den Germaninnen in ihren Gesellschaften so etwas wie das römische "sanctus" zugewiesen wurde (er sah dies, wie wir noch sehen werden, nicht als einziger Römer), und daher war er weder in der Lage, sie sich anders als mit den höchsten Tugenden der Römerinnen versehen vorzustellen, noch hätte er sich anders ausdrücken können. Außerdem entsprach diese Darstellung freilich seiner Intention, nämlich zu zeigen, welche "altrömischen" Tugenden die Germanen aufwiesen. Dies zeigt vor allem seine Polemik am Schluss des Absatzes (nec tamquam facerent deas), die sich gegen Vorgänge in Rom richteten: einigen weiblichen Mitgliedern des Kaiserhauses wurden göttliche Ehrungen zugesprochen, was ihn außerordentlich erboste.

Zweitens: wer oder was sanctus ist, ist kein passives Objekt der Verehrung. Es, sie oder er handelt, ordnet an und straft. Auch ohne jetzt näher auf die römische Idee der Strafe einzugehen (8), ist klar, dass dem sanctus etwas Mächtiges und potentiell Gefährliches innewohnt. Es muss beachtet und befolgt werden, weil ansonsten - Sanktionen die Folge sind. Sanctus überredet nicht, es setzt durch.

Moderne Betrachter stoßen hier auf ein Problem: nicht nur ist das sanctus in der christlichen Tradition andersgeartet (eine Lebende kann keine Heilige sein!), wenn auch immer noch eng verknüpft mit "Keuschheit" - es befindet sich anderswo, spätestens seit René Descartes (1596 - 1650), der dem Heiligen (und mithin allem Spirituellen) einen Platz außerhalb der Welt zuwies. So gelang es ihm als frommem Katholiken, die Seele als Reservat der Theologie zu bewahren und abzugrenzen, die materielle Welt und die Körper, auch die der Menschen, der Wissenschaft als legitimes Betätigungsfeld zuzuweisen (9). Zuvor - und für große Teile der europäischen Bevölkerung noch lange danach - war das Heilige keinesfalls derart "aus der Welt" wie in der dualistischen Kosmologie, die den Geist vom Körper abtrennte und "den Menschen" zu einem Gespenst erklärte, das eine biologische Maschine - den Körper - steuert. Da der Welt aber nunmehr nichts Heiliges mehr innewohnen konnte und durfte, musste sie mechanistisch sein, ansonsten wäre sie eine Herausforderung für die Allmacht Gottes, den Monopolisten der Heiligkeit, der sich "draußen" befindet. Wir werden auf diese äußerst wichtigen Punkte noch öfter zu sprechen kommen, da es hier um die Definition von Menschen, vom Körper und von der Spiritualität geht.

An dieser Stelle muss aber in aller Deutlichkeit herausgehoben werden, dass Tacitus von derlei nichts wusste, die Germanen freilich ebenfalls nicht. Es war für den Römer überhaupt kein Problem, das sanctus lebenden Menschen zuzuweisen - oder doch zu berichten, dass es ihnen zugewiesen wurde. Der Ort des sanctus sind die Germaninnen, und diese sind in der Welt.

Fasst man also die Aussagen des etiam sanctum zusammen, so sagt Tacitus, das sanctus, also eine weisende, verehrungswürdige, potentiell gefährliche Macht wohne den Germaninnen inne - zumindest nach Auffassung der Germanen - und daher höre man auf sie. Das ist etwas völlig anderes als etwa eine Quelle für kluge Ratschläge, die man befolgen kann oder auch nicht.

Was sie sah und was sie sagte

Was das providum, die Sehergabe, anbelangt, so ist zu beachten, dass wir es hier ebenso wie beim sanctus mit einer römischen Auffassung zu tun haben, nicht mit der germanischen. Providus bedeutet auch "vorsorgend, vorsorglich", braucht also nicht unbedingt mit Hellseherei zu tun zu haben - aber wir stoßen hier auf dasselbe Problem der modernen Sichtweise wie beim sanctus. Für die Neuzeit gehören "denken" und die Sehergabe in verschiedene Kategorien und schließen einander sogar aus, denn entweder denkt man rational, oder man begibt sich in den Bereich der "Esoterik". Diese Dichotomie gehört in den Bereich der kulturellen Vorstellungen über das Denken, das Bewusstsein und das Selbst. Für unser Thema ist hier zweierlei von Bedeutung:

Erstens: Tacitus´ Aussage fußt auf der römischen Betrachtungsweise der kognitiven Fähigkeiten von Menschen, also weder auf der germanischen noch auf der neuzeitlichen im christlichen Abendland. Für ihn, der das sanctus ohne Schwierigkeiten in der Welt verorten kann, gibt es keine neuzeitliche Dichotomie. Wie wichtig einerseits und wie selbstverständlich andererseits die Kontaktaufnahme mit dem Heiligen bei wichtigen Entscheidungsprozessen in der antiken Welt war, zeigen beispielsweise das Werk des Thukydides über den Peloponnesischen Krieg und der Erlebnisbericht des Xenophon über den Rückmarsch griechischer Söldner aus dem Perserreich, die "Anabasis". Xenophon war ein Schüler Sokrates´ und schilderte Opfer zum Zweck der Zeichenschau mit eben derselben Selbstverständlichkeit wie Beratungen unter Söldneroffizieren. Man hüte sich, zu behaupten, Thukydides, Xenophon oder Tacitus hätten nicht denken können oder seien von dumpfem Aberglauben umnebelt gewesen. Für letzteren aber war die antike Praxis der mediterranen Welt der Hintergrund des providum der Germaninnen.

Zweitens: Auf der neuzeitlichen Dichotomie, also letztlich auf dem Kartesianismus, fußen nicht nur die beim sanctus aufgelisteten Schnitte und Trennungen, sondern auch lächerliche und gefährliche Versuche, das Heilige quasi in die Welt zurückzubringen. Eines der wichtigsten Projekte in diesem Zusammenhang ist die Theosophie, die unreflektiert die neuzeitliche Trennung von "Geist/Seele" und "Körper/Materie" übernimmt, ersterem die zentrale Rolle zuweist und so die Welt zu einer "spirituell" fundierten Hierarchie der Wertigkeiten erklärt - wir haben uns hier bereits damit befasst. Die völkische Biorobotik weist quasi umgekehrt der Genetik die zentrale Rolle zu und definiert "natürliche Religion" als determinierte Extension der Genetik in das Bewusstsein, also als mechanistisches Programm, bei dem "Fremdeinflüsse" mit Fehlern gleichgesetzt werden. Für uns besonders wichtig ist aber die "Intuitionsthese": Frauen seien der "Natur" näher und hätten darum die Fähigkeit, Wahrheiten zu "erspüren". Diese These gehört zum Fundus des Armanenordens. Freilich spielt sie dort darum eine wichtige Rolle, weil Sigrun von Schlichting so als einziges weibliches Oberhaupt einer Organisation der alten Heidenszene unkritisierbar wird. Entscheidend ist hier aber, dass dem Denken - und zumal dem Denken von Frauen - hier eine Absage erteilt und einem "Ahnen" und "Fühlen" die zentrale Rolle zugewiesen wird. Selbst ohne Absicht des Spottens kann man darauf nur erwidern, dass ohne gründliches, tiefes Verständnis der Kultur und der Diskurse stets nur deren Abbilder "erahnt" und "erfühlt" werden können, ganz gleich von wem, was die Ergebnisse des "Ahnens" und "Fühlens" nur allzu deutlich zeigen, von Lists "Schauungen" bis zur New-Age-Esoterik. Hier muss in aller Deutlichkeit festgehalten werden, dass Tacitus´ Aussage bezüglich des providum der Germaninnen nichts mit dergleichen zu tun hat.

Fassen wir erneut zusammen, so herrschte - laut Tacitus - bei den Germanen über die Germaninnen folgende Auffassung vor: sie verkörperten eine weisende, potentiell gefährliche Macht und verfügten (darum) über vorausgreifende kognitive Fähigkeiten. Daher wurden sie um Rat gefragt, und der Rat wurde befolgt, zumal nicht nur Menschen den Rat erteilten, sondern damit unmittelbar verbunden auch das Heilige, das sich auch auf andere Weise Beachtung verschaffen konnte, wenn man seinen Weisungen nicht Folge leistete.

Tacitus kommentiert diese Auffassung überhaupt nicht weiter, obwohl sie, wie wir gesehen haben, der römischen Auffassung von Frauen scharf widerspricht. Anscheinend nahmen zumindest einige Römer diese Auffassung sehr ernst, wie zum Beispiel Drusus, der eine germanische Seherin befragte, die ihm prompt und präzise seinen Tod vorhersagte.

Wenn man nicht auf sie hört...

Ein Beispiel des providum in der Praxis lieferte Caesar etwa 150 Jahre vor Tacitus im "Gallischen Krieg". Er hatte gerade erfolgreich die Konfrontation mit dem in Gallien eingedrungenen Großverband der Sueben gesucht, einige recht dramatische Gefechte hatten schon stattgefunden, als folgendes geschah: "Nachdem es auf beiden Seiten viele Verwundete gegeben hatte, führte Ariovist bei Sonnenuntergang seine Truppen ins Lager zurück. Als Caesar von Gefangenen wissen wollte, warum Ariovist sich nicht auf eine Entscheidungsschlacht einließe, erfuhr er folgendes: bei den Germanen sei es Brauch, dass die Familienmütter mit Runen und Weissagungen bestimmten, wann es richtig sei, eine Schlacht zu schlagen und wann nicht. Sie hätten erklärt, die Götter seien gegen einen Sieg der Germanen, wenn sie vor dem folgenden Neumond eine Schlacht lieferten." (10) Daraufhin zwang Caesar den Sueben die Entscheidungsschlacht auf und siegte. Für Caesar war es nicht ungewöhnlich, dass er unter vielen Faktoren der "moralischen Verfassung" des Gegners eine sehr hohe Priorität einräumte. Was uns hier aber interessiert, ist die Aussage der "Familienmütter".

Wir wissen nicht, wie sie zu ihrer Einschätzung gelangten, denn wir wissen nicht, wie sie dachten, die "Runen und Weissagungen" verweisen keinesfalls ins "Esoterische", wie wir oben gesehen haben. Was wir wissen, ist, dass sie sich hier explizit zu Kriegsangelegenheiten äußerten und dass dies - laut Aussage der Gefangenen - durchaus so üblich war. Es bleibt nur noch, den Rat als solchen einzuschätzen: war er gut?

Der Ausgang der Entscheidungsschlacht soll hier nicht den Ausschlag geben, denn Caesar instrumentalisierte schließlich die Situation. Betrachten wir uns, fußend auf Caesars Bericht, die Lage vor der Schlacht, also zum Zeitpunkt, als die Einschätzung der Suebinnen abgegeben wurde: Caesar hatte sich sehr erfolgreich in innergallische Streitigkeiten eingemischt, den Stamm der Helvetier geschlagen und sich erfolgreich zum Beschützer einer gallischen Fraktion gemacht (11). In sehr dramatischer Weise schildert er die schreckliche Bedrohung durch die fürchterlichen Barbaren von jenseits des Rheins - eine Notwendigkeit, denn einen Krieg in Gallien anzuzetteln war keineswegs das, was der Senat sich unter seiner konsularischen Tätigkeit vorgestellt hatte. Caesar brauchte den Krieg für seine politischen Ambitionen, und er brauchte die Konfrontation mit den Sueben, um in Gallien eine Situation zu schaffen, welche die Fortsetzung des Krieges unbedingt erforderlich machen würde, bevor der Senat ihn zurückpfeifen konnte. Als er also ins Innere Galliens marschierte, ließ er in jeder Hinsicht eine sehr unsichere Situation in seinem Rücken entstehen, denn er konnte sich seiner gallischen Verbündeten nicht wirklich sicher sein, ganz zu schweigen davon, dass er sich bereits gefährliche Feinde gemacht hatte. Man kann ohne Übertreibung sagen, dass er alles auf eine Karte setzte und dass Eile für ihn von entscheidender Wichtigkeit war. Die Zeit arbeitete gegen ihn.

Götter, Weissagungen und Neumond sollten nicht den Blick darauf verstellen, dass genau dieser Faktor der Kern der Einschätzung der Suebinnen ist: Zeit. Jeder Tag, an dem es den Sueben gelang, Caesar hinzuhalten, verschlechterte dessen Lage. Wie gesagt: wir wissen nicht, wie die Suebinnen dachten und auch nicht, was sie wussten und woher. Ich stelle hier lediglich die freilich unbeweisbare Hypothese, sie hätten die Situation völlig durchschaut, der üblichen Auffassung der "abergläubischen Weissagung" gegenüber, und zwar mit folgender Begründung: warum hätte man den Germaninnen denn das providum zugesprochen, wenn sie nicht in den allermeisten Fällen richtig lagen?

Für die germanischen Gesellschaften ist hier für uns vor allem von Bedeutung, dass das taciteische providum der Germaninnen ihnen die Rolle zuwies, sich zu Kriegsangelegenheiten zu äußern, was freilich voraussetzt, dass man ihnen hierfür die Kompetenz zusprach. Dies wieder bedeutet, dass sie diese Kompetenz auch aufwiesen. Man kann sogar sagen, dass der Rat der Frauen in militärischen Dingen ein bisher übersehener Faktor bei der offensichtlichen Gefährlichkeit der Germanen war.

Die Kompetenz von Germaninnen in Kriegsangelegenheiten spiegelt sich auch in einer Stelle bei Strabon, der ein Jahrhundert nach Tacitus (und etwa drei Jahrhunderte nach den von ihm geschilderten Ereignissen) erzählt, weißgewandete Priesterinnen der Kimbern hätten nach der Schlacht bei Arausio (105 v. Chr.) den römischen Gefangenen über einem eisernen Kessel die Kehlen aufgeschlitzt und aus ihrem Blut den Ausgang der Schlacht vorhergesagt (12). Simek nennt diese Szene phantasievoll (13), womit er zweifellos recht hat, aber interessant ist das Hervorscheinen der hier besprochenen Kompetenz von Germaninnen gerade darum, weil sie im Rahmen einer Barbaren-Gruselgeschichte (14) eine Rolle spielt.

Bisher war von "den Germaninnen" die Rede sowie davon, dass man auf sie hörte und warum. Rudolf Simek schreibt in seinem Buch "Religion und Mythologie der Germanen" (15): "Offenbar gab es unter den rechtsrheinischen Germanen der ersten beiden nachchristlichen Jh.e eine Klasse von Priesterinnen, deren Vorhersagen für alle wichtigen Unternehmungen als unabdingbar angesehen wurden und welche von den Römern daher als schwer einschätzbare politische Größe betrachtet wurde. Auf diese Seherinnen bezieht sich Tacitus ..." (16). Leider belegt Simek seine Einschränkung auf Westgermanen, eine "Klasse" und "Priesterinnen" nicht. Ich sehe mich trotzdem veranlasst, zu sagen, warum ich eine weite Verbreitung des Phänomens annehme. Ich gehe dabei von der zitierten Stelle bei Caesar aus und beziehe mich auf Wenskus´ Schilderung des ungeheuren Prestiges der Sueben im gesamten germanischen Raum (17), der unter anderem zur Übernahme von charakteristischen Elementen ihrer Tracht durch Stämme führte, die gar nicht zum suebischen Verband gehörten (18). Ich halte die weissagenden Frauen in keiner Hinsicht für unwesentlich und gehe daher davon aus, dass, wenn das Phänomen nicht von vornherein zu den Charakteristika der germanischen Kultur gehörte (was ich eigentlich annehme), die Nachahmung der Sueben für seine Verbreitung sorgte.

Im Kapitel über Mythologie werde ich auf den Semnonenhain zu sprechen kommen, der das wichtigste Heiligtum des suebischen Stammesverbandes war und den die Semnonen, die als der älteste suebische Stamm galten, hüteten. Die Semnonen hatten anscheinend sogar besonders bedeutende Seherinnen, ein Hinweis auf die Stellung weissagender Frauen im suebischen Verband insgesamt: " «Waluburg, Seherin der Semnonen» wird im 2. Jh. auf einer römischen Soldliste von der ägyptischen Insel Elephantine erwähnt; möglicherweise war auch sie (wie Veleda, Anm. d. Verf.) deportiert worden oder in Sklaverei geraten. Auch Ganna stammt wie Veleda und Waluburg aus dem Stamm der Semnonen und dürfte ebenfalls beträchtlichen politischen Einfluss gehabt haben, da sie am Ende des 1. Jh.s im Gefolge des Semnonenkönigs Masyas nach Rom kam, wo ihr selbst der römische Kaiser Domitian Respekt erwies." (19)

Oben erwähnte Veleda war bereits von Tacitus benannt worden - sie spielte eine wichtige Rolle beim Bataveraufstand 69 n. Chr. Simek erzählt: "Als sich nämlich die Bataver unter Julius Civilis (trotz des Namens ein Bataver: er war wegen der großen Verdienste der Bataver als Mitstreiter Roms in die gens julia aufgenommen worden, also Caesars eigenes Haus, Anm. d. Verf.) gegen die Römer erhoben, als ein Großteil der Rheinarmee wegen innenpolitischer Wirren nach Italien verlegt wurde, da geriet der römische Legionskommandeur von Castra Vetera (bei Xanten) in germanische Gefangenschaft und wurde als Geschenk an Veleda gesandt. «Dies war eine Jungfrau aus dem Stamm der Brukterer, die weithin Macht besaß, nach dem alten Brauch der Germanen, viele Frauen für Seherinnen, bei gesteigertem Ansehen sogar für Göttinnen zu erklären. Das Ansehen der Veleda stieg damals beträchtlich, denn sie hatte den Germanen Erfolg und die Vernichtung der Legionen vorhergesagt.» (Tacitus, Historiae IV 61). Als die Aufständischen später die Stadt Köln bedrohten, riefen die (ja ebenfalls germanischen) Bürger Kölns den Civilis und die Veleda als Schiedsrichter an: «Gesandte wurden mit verschiedenen Geschenken zu Civilis und Veleda geschickt und erledigten alles im Sinne der Kölner. Vor Veleda selbst zu erscheinen und mit ihr zu reden wurde ihnen jedoch nicht gestattet, ihr Anblick wurde verwehrt, um größere Ehrfurcht einzuflößen. Sie wohnte in einem hohen Turm, und ein von ihr dazu ausgewählter Verwandter überbrachte die Fragen und Antworten wie der Mittelsmann einer Gottheit.» (Tacitus, Historiae IV 65) Kurz danach kaperten die Aufständischen in einem nächtlichen Handstreich das Flaggschiff der römischen Rheinflotte, immerhin eine Trireme (eine große Galeere mit Ruderbänken auf drei Ebenen übereinander, ein sehr teures Schiff, Anm. d. Verf.), und schleppten es die Lippe hinauf, um es der Veleda zum Geschenk zu machen. Der entkommene Kommandeur schickte daraufhin geheime Botschaften an Veleda, damit sie dem Krieg eine andere Wendung gebe, wofür er ihr, Civilis und den Batavern Straffreiheit zusagte. Ihre Antwort kennen wir nicht, aber Veleda gelangte doch in Gefangenschaft, denn 77 n. Chr. wird sie in einem Gedicht des römischen Dichters Papinius Statius (Silvae I,4,89) als Gefangene erwähnt, und ihre Deportation nach Süditalien in die Stadt Ardea wird durch ein griechisches Spottgedicht belegt, das ihren Namen mit dem Zusatz «die lange, aufgeblasene Jungfrau, die die Rheinwassertrinker verehren» erwähnt, sodass sie wohl ihr Leben als Tempeldienerin in Latium beschlossen haben dürfte." (20)

Die un-souveränen Könige

Es wird also vorerst nicht möglich sein, zu entscheiden, welche Germaninnen in den jeweiligen Gesellschaften eine Rolle spielten, die Tacitus´ Aussage vom etiam sanctum aliquid et providum beschreibt, aber wir können einiges dazu sagen, wie die Gesellschaften beschaffen waren.

"Über geringere Angelegenheiten", sagt Tacitus, "entscheiden die Stammesoberhäupter (principes), über wichtigere die Gesamtheit (omnes), doch werden auch die Dinge, für die das Volk zuständig ist, zuvor von den Stammesoberhäuptern beraten ... Sobald es der Menge beliebt, nimmt man Platz, und zwar in Waffen. Ruhe gebieten die Priester (sacerdotes), sie haben jetzt auch das Recht zu strafen. Dann hört man den König an oder die Stammesoberhäupter, jeweils nach dem Alter, nach dem Adel, nach dem Kriegsruhm, nach der Redegabe; hierbei kommt es mehr auf Überzeugungskraft an als auf Befehlsgewalt ..." (21)

Wir werden uns hiermit ein wenig beschäftigen müssen, denn wir müssen erst sehen, wer denn die principes, die sacerdotes und die Könige sind (ganz abgesehen von omnes), bevor wir danach fragen können, wo denn auf einmal die Frauen geblieben sind.

Beginnen wir mit dem König, der, wie ja das obige Zitat deutlich zeigt, schlechterdings kein absolutistischer Herrscher oder dergleichen sein kann: die Versammlung hört ihn an, es kommt "mehr auf Überzeugungskraft an als auf Befehlsgewalt" und die Versammlung entscheidet, nicht der König. Ich möchte noch einmal wiederholen, dass der tatsächliche Verlauf von Entscheidungsprozessen für die Römer von großem Interesse war, und wäre die Versammlung eine Formalveranstaltung zum Zweck des Abnickens des königlichen Willens - des Willens eines Souveräns also - gewesen, wäre ihnen das schwerlich entgangen. Ich werde zudem im nächsten Kapitel einen Fall vortragen, bei dem der König etwas anderes wollte als die Mehrheit und sich beugen musste, aber dieser Fall gehört nicht in die taciteische Zeit. Welche Rolle spielte der König (22) denn dann?

Dass diese Frage in der Germanenforschung lange Zeit ein großes Problem (23) darstellte, zeigt Reinhard Wenskus´ Auseinandersetzung mit der Thematik. Ihm fiel folgendes auf: "Oft scheint es so, als ob das Bestehen des Stammes von der Existenz seines Herrschergeschlechts unmittelbar abhängig ist. Vielfach hört ein Stamm einfach auf zu existieren, wenn seine Dynastie verlischt. Das mag übertrieben erscheinen, aber eine ganze Reihe von Belegen lässt sich anführen: nachdem die stirps regia der Cherusker in inneren Kämpfen ausgerottet ist, verklingt selbst dieser berühmte Name. Tacitus, der sie noch als heruntergekommenes Volk schildert, ist der letzte, der von ihnen noch sichere Kunde gibt. Als Maelo, der König der Sugambrer, als Gesandter in die Hände des Augustus fiel, war die Kraft des in der Zeit Caesars mächtigsten Stamm am Rhein gebrochen. Die Sugambrer - angeblich 40 000 Köpfe - ließen sich auf römischem Gebiet ansiedeln, wo ihr Name bald erlosch und nur in der dichterischen Tradition weiterlebte, bis er durch die Merowinger wieder aufkam ..." (24). Die Liste der Belege wird fortgesetzt.

Warum ist ein König, der anscheinend nichts zu befehlen hat, mitsamt seiner Sippe, der stirps regia, so unerhört wichtig? "H. Mitteis etwa hat mit Recht als einen Grundbegriff der Verfassungsgeschichte den der Repräsentation herausgestellt. Er ist für das Königtum doppelt bedeutsam. Einmal repräsentiert der König, wie wir sahen, in der Frühzeit das Volk. Er «vertritt» jedoch nicht nur das Volk nach außen, sondern er verkörpert das Volk, er ist «im Rahmen seiner Befugnisse» das Volk. Auf der anderen Seite ist er vielfach in heidnischer Zeit der Repräsentant eines Gottes. Abgesehen von den Schwierigkeiten, die sich aus dieser Doppelrepräsentanz ergeben, ist das Wort «Repräsentation» schon allein im Bereich der Religionsgeschichte außerordentlich schillernd und kann sehr verschiedene Grade von Repräsentation bezeichnen ...". (25)

Für uns genügt hier, an das anzuknüpfen, was wir über das sanctus gesagt haben, um eine Vorstellung davon zu bekommen, was es mit dieser "Repräsentation" auf sich hat. Der König verkörpert bzw. ist seine Gesellschaft und gleichzeitig ein mythisches Wesen, im typischen Fall der Stammesahn, der eine Gottheit sein kann und in vielen Fällen auch ist. Dieses Wesen ist "im" König und damit in der Welt. Dies ist allerdings nicht nur beim König der Fall: wie Jordanes berichtet (26), hielten sich die Goten für ansis, seiner Ansicht nach semideos - Halbgötter. Da sie alle von ihrem Stammesahn abstammten (oder, um genau zu sein, behaupteten, von ihm abzustammen - aus ihrer Sicht war es selbstverständlich wahr), verkörperten sie auch allesamt ihn. Nur der König "ist" indessen der gesamte Stamm, all diese "Verkörperungen" fokussieren auf ihn und kulminieren in ihm.

An dieser Stelle ist es notwendig, sich der Abstammungsfrage zuzuwenden - sie ist inzwischen mehrfach aufgetaucht, erstens bezüglich der Abstammung des Königs und mithin der stirps regia, zweitens bezüglich der Abstammung von Stämmen - mithin sind wir hier bei der Vorstellung von Stämmen als Abstammungsgemeinschaft.

Kaum irgend etwas hat in der Neuzeit im Zusammenhang mit der Germanenrezeption so viel Schaden angerichtet wie das Projizieren neuzeitlicher Vorstellungen auf die Vorstellung der Germanen von Abstammung. Es ist im Rahmen dieses Projekts schon öfter darauf hingewiesen worden, dass Genetik als Menschen determinierender und klassifizierender Faktor eine Idee des 19. Jahrhunderts ist und die Grundlage des Rassismus bildet. Abstammung in der Moderne ist aber genetische Abstammung, dies gilt als "objektiv" und "wissenschaftlich" und nicht etwa als das Produkt wissenschaftlicher und politischer Diskurse. Wir werden hierauf noch in einem anderen Kapitel zu sprechen kommen - hier muss es darum gehen, die germanische Vorstellung von Abstammung von der neuzeitlichen zu trennen.

Es ist zweifelsohne das Verdienst von Reinhard Wenskus, hier Ordnung geschaffen zu haben. "In einer Geschichte des Stammesbegriffs", sagt er, "könnte beispielhaft ein guter Teil der Geschichte der politischen Ideen des 19. Jahrhunderts behandelt werden. Dem Rationalismus des Anstaltsstaates und seiner Staatstheorien entsprach als dialektische Gegenströmung ein Irrationalismus, der der "Künstlichkeit" des Staates die ideale Naturhaftigkeit des Stammes gegenüberstellte. Im Gegensatz zum "bürokratischen", "mechanischen", absoluten Staat sah man den naturhaften, "organisch" gewachsenen Stamm ... Diese Vorstellung war selbstverständlich nicht neu. Sie war seit den Anfängen der antiken Ethnographie überliefert worden, entsprach den Vorstellungen des Alten Testaments und war bereits in vielen Bezeichnungen für ethnische Einheiten etymologisch enthalten ... Sehr langsam sah man ein, dass der Glaube an den gemeinsamen Ursprung nur eine Fiktion gewesen sein konnte." (27) Hier ist anzumerken, dass nicht nur die irrationalen Strömungen des 19. Jahrhunderts ihren Teil beitrugen, sondern die rationalen ebenso - Biologie und Medizin des 19. Jahrhunderts waren für den "Diskurs der reinen Rasse", den wir in "Völkische Ideologie" besprochen haben, unentbehrlich. Insbesondere die Genetik und ihre ideologische Instrumentalisierung - oder wie Foucault sagen würde: ihr Charakter als Macht/Wissen - war nicht das Produkt romantischer Traumtänzer. Aber das gehört zur Rezeptionsgeschichte.

Ich kann hier unmöglich Wenskus´ Argumentation im Einzelnen wiedergeben, seine knapp gehaltene Erörterung der Aspekte des Stammesbegriffs (28) umfasst 98 Seiten und ist schwerlich auf weniger Raum abzuhandeln. Dazu kommt noch, dass an verschiedenen Stellen Einwände erhoben werden müssten - der Text stammt aus dem Jahre 1961, bezieht veraltete Ethnologie mit ein und enthält - wie der aufmerksamen Leserschaft sicher nicht entgangen ist - Begriffe wie "Volk", wo ich sie nicht gebrauchen würde. Wenskus´ zentrale Aussage bezüglich der Abstammungsthematik ist aber klar: es handelt sich um eine politische Idee. Begreift man Stämme nämlich nicht als "organisch", erscheinen sie als politische Körperschaften, als Gesellschaften, und genau das waren die germanischen Stämme der taciteischen Zeit. Ihre Selbstdarstellung als Abstammungsgemeinschaft war das Produkt eines Diskurses, nicht der "Natur".

Ich darf daran erinnern, dass ich ganz zu Anfang auf die verschiedenen Wahrheiten hingewiesen habe, die uns bei der gesamten Thematik begleiten würden und es auch tun. Für die Angehörigen eines germanischen Stammes der taciteischen Zeit war es zweifelsohne wahr, dass sie vom Stammesahn abstammten, denn dies war der Punkt, auf dem ihre persönliche und politisch-gesellschaftliche Identität beruhte. Für die moderne Wissenschaft ist wahr, dass dies nur eine politische Idee war, keine biologische Realität (29). Es war durchaus üblich, ehemals Fremde (zum Beispiel Gefangene) in den Stamm aufzunehmen, wodurch sie selbstverständlich ebenfalls zu Abkömmlingen des Stammesahns wurden.

Wer das merkwürdig und irrational findet, halte sich folgendes vor Augen: hier und heute ist der Vater eines Kindes womöglich nicht derjenige Mann, der bei seiner Geburt dabei ist, es aufzieht und alles für das Wohlergehen des Kindes tut, sondern ein anderer Mann, der aufgrund einer medizinischen Untersuchung, die er juristisch erzwingen kann, der genetische Vater ist. Hier und heute ist nämlich der genetische Vater der "richtige" Vater. Das, so darf man behaupten, hätten die Germanen anders gesehen. Ihr Abstammungsbegriff kann im Grunde nur im Kontext ihrer gesamten Kosmologie gesehen werden - ich werde darauf im Mythologie und Kosmologie gewidmeten Kapitel zu sprechen kommen. Das selbe gilt freilich für den ausschließlich auf Genetik fixierten Abstammungsbegriff der zeitgenössischen christlich-abendländischen Kultur. Wir werden der Frage wo kommen die Menschen her, wo kommt das Leben her? als für Kulturen in vieler Hinsicht zentraler Frage hier noch häufiger begegnen, und die geschätzte Leserschaft ist herzlich eingeladen, die von mir behauptete germanische Antwort mit der christlich-abendländischen zu vergleichen. Aber so weit sind wir noch nicht.

All dies hat sicher dazu beigetragen, klarzumachen, was die Germanenkönige der taciteischen Zeit waren und was sie nicht waren. Wir können uns also nunmehr den sacerdotes und den principes zuwenden.

Ganz sicher keine Priester

Wie beim sanctum haben wir es beim sacerdos mit einer römischen Vorstellung zu tun. Der Begriff sacerdos bezieht sich auf sacrum, was nicht nur "Heiligtum, Opfer", sondern auch "geweiht, heilig" und "verwünscht, verflucht" bedeutet - wir erinnern uns, dass das sanctum durchaus einen ebenso ambivalenten Charakter hat. Der sacerdos nun ist derjenige, qui sacra dat, von lat. dato, geben; es ergeben sich also allein aus dem Wortsinn recht verschiedene Funktionen.

Ein kurzer Exkurs über die römischen sacerdotes (die Tacitus in ihren germanischen Kollegen sah), macht klar, dass man sehr vorsichtig damit sein muss, die germanischen sacerdotes der taciteischen Zeit mir nichts - dir nichts als Priester zu bezeichnen, zumal sich uns hier sofort die Frage stellt, wozu man denn angesichts des sanctus der Germaninnen männliche "Berufspriester" braucht.

Titus Livius zufolge wurde nach dem Ende der Königsherrschaft in Rom zuerst ein rex sacrorum, also im Wortsinne ein Sakralkönig eingesetzt, da zuvor religiös-priesterliche Aufgaben dem König zugefallen waren. Diesen rex sacrorum hielt man sorgfältig von den Schaltstellen der politischen Macht fern. Im Laufe der Zeit ersetzte der pontifex maximus diesen rex sacrorum. Die wichtigsten römischen Kultfunktionäre waren die flamines, die jeweils einem einzelnen Gott zugeordnet waren, strenge rituelle Vorschriften zu befolgen hatten, aber keineswegs daran gehindert waren, eine politische Laufbahn anzutreten. Ursprünglich stammten sie alle aus Patrizierfamilien, wer unter ihnen ein solches Amt anstreben konnte, war in den Tagen der Republik Thema von politischen Auseinandersetzungen. Besonders das Amt des pontifex maximus wies Schnittstellen zum politischen Bereich auf, beispielsweise in der Rechtsprechung. Das mag uns hier genügen (30).

Es fällt sofort auf, dass die Strafgewalt der sacerdotes bei der Versammlung, die Tacitus referiert, hiermit gut zusammenpasst. Einen "Priester", der sich ausschließlich um Kultangelegenheiten zu kümmern hat, gehen "rechtliche" und "politische" Dinge nur indirekt etwas an. Eine ähnliche Funktion übten die sacerdotes im Krieg aus, wobei Tacitus betont, es gehe hier mitnichten um den Willen des Heerführers, sondern um den der Gottheit, die man sich unter den Kämpfenden dachte und deren heilige Zeichen die Krieger mit sich führten (31). Es ergibt einen Sinn, dass der sacerdos hier - und nur hier, und nur er - das Recht hat, andere zu prügeln, zu fesseln oder sogar zu töten, denn das sacrum ist ambivalent, und es ist die Aufgabe des sacerdos, es wohlwollend zu stimmen (32).

Wovon hier nicht die Rede ist, ist irgend eine Art von "Glaube". Es ist überhaupt nicht die Rede davon, die sacerdotes hätten die Aufgabe gehabt, "Religion" auszulegen, in dieser Hinsicht über ein "Spezialwissen" verfügt oder dergleichen. Man (33) könnte zwar versuchen, so zu argumentieren, der "Glaube" sei eine Selbstverständlichkeit und daher vorhanden gewesen, aber in einem tatsächlichen Glaubenssystem - zum Beispiel im Christentum - ist Glaube eben keine Selbstverständlichkeit und bedarf unbedingt der Möglichkeit des Nicht-Glaubens und des falschen Glaubens. Eine solche Argumentation ist auch darum nicht zu halten, weil sich Vorstellungen wie das sacrum schwerlich mit einem Glaubenssystem vereinbaren lassen: man sieht deutlich, wie der sacerdos mit einer in der Welt präsenten und wirkmächtigen Wesenheit interagiert. Er ruft sie nicht etwa herbei, sie ist bereits dort, und er "glaubt" auch nicht an sie, ebenso wenig wie er beispielsweise an Bäume oder Felsen "glaubt".

Also: im Krieg und bei der Versammlung tritt der sacerdos auf den Plan und waltet seines Amtes. Er ist eine ungemein mächtige Gestalt und darf anscheinend Dinge tun, die weder der König noch die principes tun dürfen.

Wenskus trägt hierzu sowie zu verschiedenen Entwicklungen germanischer Verfassungen bezüglich "Königen" und "Priestern" Überlegungen vor, die beim Gebrauch dieser Begriffe eher noch bedenklicher stimmen (34), hier aber viel zu weit führen. Was sich abzeichnet, ist eine Machtbalance zwischen einem taciteischen germanischen rex und einem oder mehreren sacerdotes. Ich habe oben nicht ohne Grund auf die auch sozial herausgehobene Stellung der römischen flamines hingewiesen: es ist denkbar, dass man das Übergewicht des "Königs" bezüglich seiner Bedeutung (seine Befehlsgewalt hielt sich, wie man sieht, sehr in Grenzen) dadurch auswog, dass man ihm andere Männer aus der stirps regia als sacerdotes an die Seite - oder vielmehr: entgegen - stellte. Man muss stets im Auge behalten, dass die germanische Kultur keine Erscheinung ohne eigene Historizität war: kulturelle und soziale Umbrüche sind in gewisser Weise immer Antworten auf Probleme früherer Zustände.

Anführer unter Erfolgsdruck

Wie wir gleich sehen werden, erweitert sich diese Machtbalance noch um einen weiteren Faktor, wenn wir die principes in die Betrachtung mit einbeziehen. Bei diesen handelt es sich um vornehme und einflussreiche Persönlichkeiten, die besonders bei königslosen Stämmen stark im Vordergrund standen. Ein solcher princeps war beispielsweise der Cherusker Segestes. Tacitus berichtet: "Denn es bestand die Hoffnung auf eine Spaltung des Feindes in die Anhänger des Arminius und des Segestes, die sich beide hervortaten, jener durch seine Treulosigkeit, dieser durch seine Treue gegen uns. Arminius war der Aufwiegler Germaniens; Segestes dagegen hatte Varus schon oft und noch beim letzten Festmahl, nach welchem man zu den Waffen griff, darauf hingewiesen, dass ein Aufruhr vorbereitet werde, und den Rat gegeben, ihn selbst, den Arminius und die übrigen Häuptlinge zu verhaften. Nach Entfernung der Fürsten werde das Volk nichts wagen und er selbst Zeit gewinnen, um Schuldige und Unschuldige zu unterscheiden. Doch Varus fiel von des Schicksals und des Arminius Hand. Obwohl Segestes durch die einmütige Erhebung des Volkes in den Krieg hineingezogen wurde, stand er ihm doch innerlich auch weiterhin fern. Sein Hass wuchs noch aus persönlichen Gründen, weil Arminius seine mit einem anderen verlobte Tochter entführt hatte". (35)

Also: Segestes sagt den Römern zwar, ohne Präsenz der principes würde das "Volk" nichts tun, kann sich aber dem Entschluss der Versammlung nicht entziehen, so gern er das auch möchte. Ebenso wie der König haben die principes großes Ansehen, aber wenig bis gar keine Befehlsgewalt, sie müssen nach Zustimmung trachten und das tun, was die Versammlung beschließt. Die Mehrzahl der principes tut freilich ein Übriges: zwar ist der Zusammenprall zwischen Segestes und Arminius bei den Cheruskern dramatisch, aber mit ähnlichen Meinungsverschiedenheiten wird man auch anderswo rechnen müssen.

Nicht immer eindeutig von den principes getrennt werden können die "Heerführer" oder duces(36): "Könige wählen sie nach Maßgabe des Adels, Heerführer nach der Tapferkeit (duces ex virtute sumunt). Selbst die Könige haben keine unbeschränkte oder freie Herrschergewalt, und die Heerführer erreichen mehr durch ihr Beispiel als durch Befehle; sie werden bewundert, wenn sie stets zur Stelle sind, wenn sie sich auszeichnen, wenn sie in vorderster Linie kämpfen. " (37). Auch hier betont Tacitus wieder die wenig ausgeprägte Befehlsgewalt (hier der duces) - es handelt sich um Verhältnisse des Vorrangs, im Falle der duces laut Tacitus allein durch Leistung erworbener Vorrang. Wenskus weist darauf hin, dass Vorrangsvorstellungen einer Verwechslungsgefahr mit Herrschaftsstrukturen unterliegen, denn: "Nicht weiter aufgefallen ist jedoch, dass «Vorrangordnungen» ... sich nicht in das durch das Begriffspaar Herrschaft : Genossenschaft bestimmte System einordnen lassen. Der Gedanke des Vorrangs ist rational überhaupt schwer zu erfassen ... Die Irrationalität des Vorrangs hat wohl darin ihren tiefsten Grund, dass er letzten Endes auf charismatischen Vorstellungen beruht." (38) Es folgt eine ganze Reihe von Belegen, die uns hier jedoch viel zu weit führen.

Was bedeutet "Vorrang" und "charismatisch"? Ich möchte versuchen, es so zu formulieren: Im Rahmen "charismatischer" Vorstellungen (zugrunde liegt der germanische Heilsbegriff, ähnliche Vorstellungen existieren aber bei anderen Kulturen durchaus auch) gelingt oder misslingt nichts, ohne dass es nicht unmittelbar mit der Person in Verbindung gebracht wird, die den entsprechenden Versuch macht, ganz gleich ob Erfolg oder Misserfolg nach modernen Gesichtspunkten der Person zugeschrieben werden können oder nicht. Eine Person, die Vorrang genießt, tut dies darum, weil ihr zugetraut und von ihr erwartet wird, dass sie auf ihrem Betätigungsfeld - und dies im oben erläuterten Sinne - Erfolg hat. Es gab durchaus germanische Gesellschaften, die ihre Könige töteten, wenn die Gemeinschaft ein schweres Missgeschick heimsuchte wie zum Beispiel eine Missernte. Dies ist, wie Wenskus es nennt, die "irrationale" Grundlage der Vorrangsvorstellung, die aber insgesamt gar nicht so irrational ist, wenn man bedenkt, wie sie sich auswirkt: Vorrang bedarf der Zustimmung anderer - sehr im Gegensatz zu Herrschaft.

Engstens mit Vorstellungen des Vorrangs verbunden ist die sogenannte Gefolgschaft (39), deren Diskussion hier aber zu weit führt. Ich möchte trotz der Wichtigkeit der Gefolgschaft für die germanische Verfassungsgeschichte - aus ihr entstand das Heerkönigtum der Völkerwanderungszeit - diese hier nur äußerst kurz umreißen und schon gar nicht den Begriff diskutieren. Ganz allgemein gesprochen konnten sich Krieger einem dux oder einem princeps zu Unternehmungen anschließen, was beim Gelingen derselben dem Erwählten - oder im Fall eines dux: Gewählten - mehr Zulauf und mehr Ansehen verschaffte, was freilich in einem Vorrangsystem enorm wichtig war. Die bereits oben erwähnte Machtbalance erweitert sich durch die Gefolgschaften enorm.

Was sie tat und wer es vergaß

Für uns von Bedeutung ist hier, dass trotz des sanctum der Germaninnen plötzlich nur noch von herausragenden Männern die Rede ist. Wieso?

Hierfür gibt es mehrere Gründe. Für Tacitus und andere Römer waren tugendhafte, weissagende Frauen vorstellbar, nicht aber in ihren Gesellschaften tragende Rollen spielende Frauen. Tacitus erzählte seinem Publikum zwar unerhörte Dinge über die Germaninnen ("Die Germanen glauben sogar ..."), unter anderem weil sie zu seiner Intention passten, aber seiner römischen Perspektive entkam er an keiner einzigen Stelle. Seine omnes, die auf den Versammlungen die Entscheidungen treffen, sind allem Anschein nach "alle Männer".

Von der Forschungsgeschichte ist aus exakt dem selben Grund ebenso nichts zu erwarten. Auch Wenskus beschäftigt sich mit der Frage nicht. Stellen wie "Die Söhne der Schwestern sind dem Oheim ebenso teuer wie ihrem Vater. Manche Stämme halten diese Blutsbande für heiliger noch und enger und geben ihnen den Vorzug ..." (40) wurden nicht weiter beachtet. Geriet eine einzelne Germanin auf die Bühne des politischen Handelns (außer als Seherin), verzerrten dies die römischen Quellen sogleich in bewährter Manier, und die Germanenforschung widersprach nicht. Mein Beispiel ist Thusnelda, die Tochter des Segestes, die von Arminius entführt wurde. Anstatt zu bedenken, dass ein weibliches Mitglied der cheruskischen stirps regia sich ganz sicher nicht so mir nichts - dir nichts entführen ließ und ebenso sicher kein hilfloses Wesen war, schildern die römischen Quellen den innercheruskischen Konflikt hauptsächlich als die Auseinandersetzung der beiden Männer. Für Tacitus beispielsweise verstand sich von selbst, dass Thusnelda nach der Entführung selbstverständlich ebenso wenig politisch initiativ war wie vorher. Die Initiative kann aber in jeder Hinsicht von ihr ausgegangen sein. Die Entscheidung zum Krieg gegen Rom fällte die Versammlung der Cherusker - man darf bezweifeln, dass die Versammlung einen Verbrecher (Frauenräuber) bei seinen Bestrebungen unterstützt hätte angesichts all dessen, was wir über die Germaninnen bereits erfahren haben. Vielmehr kann die Unterstützung der Thusnelda dem Arminius die ihm erwünschte Entscheidung eingebracht haben - wenn das Ganze nicht sowieso ihre Idee war, in welchem Fall Arminius als Heimkehrer aus römischen Diensten schlicht den perfekten Kandidaten darstellte. Dann wäre Thusnelda die Architektin der Schlacht im Teutoburger Wald und nicht Arminius. Segestes hielt es später für richtig, seine Tochter den Römern als Gefangene auszuliefern (41), was meiner Hypothese noch etwas mehr Rückhalt verleiht.

Aber damit nicht genug: die von den Schriftquellen dargestellte "Männerordnung" ist eine stark diversifizierte, in der verschiedene Vorrangstellungen nebeneinander existieren. Einen "Herrscher" gibt es nicht, politische Entscheidungen fällt die Versammlung. Was die Frauen betrifft, so wird man sie sich nach allem Gesagten kaum unter der Botmäßigkeit ihrer Väter oder Ehemänner vorstellen können. Wo sind sie im politischen Bild?

Warum sollten die Frauen zur damaligen Zeit nicht im Zentrum gestanden haben und wurden aus den oben erläuterten Gründen quasi "übersehen"? Bei vielen Stammesgesellschaften ist die Produktion von Nahrung und auch deren Verteilung Domäne der Frauen, besonders bei solchen, bei denen die Jagd eine gewisse Rolle spielt (gewöhnlich jagen die Männer, aber die Frauen verteilen das Fleisch), was bei den Germanen der taciteischen Zeit der Fall war (42). Das gilt auch für die Produktion von Kleidung und die der meisten Gebrauchsgegenstände. Wenn sie über all das die Verfügungsgewalt hatten (was ich freilich nicht beweisen kann), hatten sie ihre Gesellschaft im Wortsinne in den eigenen Händen.

Wie komme ich dazu, so eine dreiste Hypothese aufzustellen? Folgendermaßen: alles, was eine Gruppe von Frauen braucht, um der Kern einer Gesellschaft zu sein, ist die Verfügungsgewalt über sich selbst, ihre Kinder und ihre Produkte. Sie können sich diejenigen männlichen Partner auswählen, die bereit sind, nach den Regeln der Frauen mitzuspielen. Noch einmal möchte ich daran erinnern, dass die germanische Kultur in einer Umbruchssituation entstand, von der wir allerdings nicht wissen, wie dramatisch sie sich in dem Raum abzeichnete, in dem das Geschehen ablief. Meine Hypothese beruht auf dem Bild einer Gruppe von Frauen, die im Zerfall alter Ordnungen (wie immer diese auch beschaffen gewesen sein mögen) zusammenhält und diesen Zusammenhalt als essentiell und überlebenswichtig begreift.

Wohlgemerkt: ich stelle hier nicht die Behauptung eines germanischen "Matriarchats" auf, nicht einmal hypothetisch. Wir haben gesehen, dass wir innerhalb der germanischen Gesellschaften der taciteischen Zeit im Grunde dem Diskurs die entscheidende Position bei allen Entscheidungen zuweisen sollten. Vorrang bedarf der Zustimmung anderer, Befehlsgewalt gab es kaum oder gar nicht, Zwangsmittel, die nur wenigen gegen viele zur Verfügung gestanden hätten, ebenso wenig. Ich erinnere an den Fall Segestes, der bezeichnenderweise vergeblich versuchte, die Römer zur Durchsetzung seines persönlichen Willens auf den Plan zu rufen. Im Diskurs ihrer Gesellschaften aber hatten die Germaninnen eine äußerst gewichtige Stimme, das besagen die Quellen eindeutig.

Die Kernfrage ist: verfügten die Germaninnen der taciteischen Zeit über sich selbst? Denn alles weitere folgt daraus. Ich behaupte, dass sie das taten, und zwar indem ich die Angaben der Primärquellen bezüglich der Keuschheit der Germaninnen gegen den üblichen Strich lese. Man kann die tatsächliche Stellung von Frauen in einer Gesellschaft immer daran festmachen, inwieweit sie autonom über ihre eigene "Sexualität" (43) verfügen.

Wie die Verhältnisse in Rom aussahen, haben wir gesehen. Es sei noch hinzugefügt, dass der römische Familienvater kraft seiner patria potestas völlig über das Leben seiner Kinder und Sklaven verfügte, worin Foucault den Kerntypus der souveränen Macht in der christlich-abendländischen Kultur sah (44). Keuschheit von Frauen in Rom war totale Kontrolle der weiblichen Sexualität durch Männer bzw. gewissermaßen vorauseilender Gehorsam seitens der Frauen unter diese. Tacitus beispielsweise war klar, dass sich keinesfalls alle Römerinnen so verhielten, worüber er ununterbrochen wetterte, und freilich war er gar nicht in der Lage, sich die Verhältnisse zwischen Männern und Frauen bei den Germanen anders vorzustellen. Er gab sich stattdessen alle erdenkliche Mühe, die dortigen Zustände so "altrömisch" auszumalen wie nur möglich.

"Gleichwohl halten die Germanen auf strenge Ehezucht, und in keinem Punkte verdienen ihre Sitten größeres Lob. Denn sie sind fast die einzigen unter den Barbaren, die sich mit einer Gattin begnügen; sehr wenige machen hiervon eine Ausnahme, nicht aus Sinnlichkeit, sondern weil sie wegen ihres Adels mehrfach um Eheverbindungen angegangen werden." (45)

Es wird sehr deutlich, dass Tacitus hier die Männer als diejenigen sieht, die sich "begnügen" und durchaus anders verfahren könnten. Es ist aber keineswegs gesagt, dass dem tatsächlich so gewesen ist. Bei den "sehr wenigen" handelt es sich um die herausgehobensten Männer, durch deren manchmal mehrfache Eheverbindungen Stämme miteinander verbunden wurden - oder doch werden sollten (46). Aber nicht nur Tacitus sieht Initiative und Entscheidung ganz selbstverständlich bei den Männern - hören wir Wenskus: "Die Quellenlage gestattet vorerst keine bestimmte Aussage, wie weit der Kreis reichte, der seine Frauen auch aus anderen Stämmen nahm. Die Könige gehörten mit Sicherheit dazu ..." (47)

Tacitus weiter: "So leben die Frauen in wohlbehüteter Sittsamkeit, nicht durch lüsterne Schauspiele, nicht durch aufreizende Gelage verführt. Heimliche Briefe sind den Männern ebenso unbekannt wie den Frauen." (48) Hierzu merkte Duke Meyer (Nornirs Aett) einmal völlig richtig an, dass derlei Briefe bei einer weitestgehend schriftlosen Kultur auch ein schwieriges Unterfangen dargestellt hätten. Ich möchte noch anfügen, dass die Darstellung von Frauen als durch Schauspiele und dergleichen verführbar zweierlei über ihre "Sexualität" aussagt, nämlich erstens, dass die in Rede stehenden Frauen anscheinend sehr leicht auf "Abwege" gelockt werden können, wenn sie nicht fortwährend streng überwacht werden, und zweitens, dass es schlicht undenkbar ist, dass sie ohne derlei Schnickschnack autonom und eigenständig ihrer Lust nachgehen. Nach erneuter Affirmierung des römischen Frauenbildes folgt die berühmte Stelle über den Ehebruch:

"Überaus selten ist trotz der so zahlreichen Bevölkerung ein Ehebruch. Die Strafe folgt auf der Stelle und ist dem Mann überlassen: er schneidet der Ehebrecherin das Haar ab, jagt sie nackt vor den Augen der Verwandten aus dem Hause und treibt sie mit Rutenstreichen durch das ganze Dorf. Denn für Preisgabe der Keuschheit gibt es keine Nachsicht: nicht Schönheit, nicht Jugend, nicht Reichtum verschaffen einer solchen Frau wieder einen Mann. Dort lacht nämlich niemand über Ausschweifungen, und verführen und sich verführen lassen nennt man nicht modern (saeculum)." (49) Die Freude des Tacitus an alledem ist unübersehbar, und so stand es ebenfalls um die ältere Germanenforschung. Entdeckte man weibliche Moorleichen, vermutete man sogleich Ehebrecherinnen.

Kommen wir zu den fälligen Einwänden: die Freude des Tacitus ist hier ein wenig übergroß. Man darf davon ausgehen, dass irgend ein Vorgang, der ihm geschildert wurde, ihm derart gut in den Kram passte, dass er ihn entsprechend in seine Predigt an die Römer einfügte. Weiterhin: strenggenommen wissen wir gar nichts über die germanischen Ehebräuche der taciteischen Zeit, und wir wissen natürlich nicht, was als Ehebruch galt. Bevor man mir hier Naivität vorwirft, möchte ich fragen, aus was man denn bitte ableiten möchte, was bei den Germanen der taciteischen Zeit überhaupt als "sexuelle" Handlung galt und wer was mit wem tun durfte? Aus den Bodenfunden vielleicht? Aus der hämischen Rhetorik eines Römers, dessen schadenfrohes Gackern noch nach fast zwei Jahrtausenden zu hören ist und dessen sein ganzes Werk durchziehende Misogynie hier nicht seine Wahrnehmung eingefärbt haben soll?

Ich erinnere außerdem an die kulturelle Kopplung von "heilig" und "keusch" im römischen Begriff sanctus - dies belegt nicht nur die entsprechende Vorstellung, sondern wirkt auch unmittelbar auf der Ebene der Sprache. Gedanken und Vorstellungen sind keineswegs von der Sprache unabhängig. Um zu einem anderen Bild zu kommen, hätte Tacitus zuerst für ihn unmittelbar verbundene Aspekte von sanctus trennen und dann noch mit seiner Sprache ringen müssen. Modernen Anthropologen ist dieses Problem wohlbekannt, aber die Kritik des Ethnozentrismus war keineswegs einfach darzulegen oder durchzusetzen und ist bis heute auf bestimmte Bereiche der Humanwissenschaften begrenzt, man sollte also von einem Römer der Ära Domitians nicht erwarten, was die christlich-abendländische Kultur bis heute nicht kann. Selbst wenn Tacitus sich von seinen Vorstellungen hätte lösen wollen – und das wollte er eindeutig nicht, er trat als vehementer Verteidiger der absoluten Gültigkeit "altrömischer Wahrheiten" auf - hätte er das kaum tun können.

Aber hören wir Tacitus weiter zur germanischen "Sexualität": "Spät beginnt beim jungen Manne der Liebesgenuss, und so ist die Zeugungskraft ungeschwächt. Auch mit den Mädchen eilt man nicht; ebenso groß ist die Jugendfrische, ähnlich der hohe Wuchs: den Männern gleich an Alter und Stärke treten sie in die Ehe ein, und die Kraft der Eltern kehrt in den Kindern wieder." (50) Abgesehen von römischer Sexualparanoia haben wir hier zwei wichtige ethnographische Informationen: späte Heirat und geringen Geschlechtsdimorphismus. Heutzutage braucht man niemandem mehr zu sagen, dass späte Heirat nicht gleichbedeutend mit abstinenter Jugend und jungem Erwachsenenalter ist - soviel dazu. Dass sich die Geschlechter physisch nur wenig unterschieden, besagt, wenn man Parallelen aus der Ethnologie heranzieht, dass man keine allzu gravierenden Unterschiede der Lebensweise und mithin der sozialen Rollen erwarten sollte.

Der Vollständigkeit halber sei noch eine Stelle aus Caesars Germanenexkurs im VI. Buch des Gallischen Krieges zitiert: "Ihr ganzes Leben besteht aus Jagen und militärischen Übungen. Von klein auf streben sie danach, Härte und Anstrengungen zu ertragen. Diejenigen unter ihnen, die am spätesten mannbar werden, genießen unter ihnen das höchste Lob. Die einen glauben, dadurch werde das Wachstum angeregt, die anderen meinen, Kräfte und Muskeln würden dadurch gestärkt. Es zählt bei ihnen zu der höchsten Schande, schon vor dem 20. Lebensjahr mit einer Frau verkehrt zu haben. Hierbei gibt es keine Heimlichkeit, denn beide Geschlechter baden zusammen in den Flüssen und tragen nur Felle und dürftige Pelzüberwürfe, wobei der größte Teil des Körpers nackt bleibt." (51)

Die römische Vorstellung eines Zusammenhangs männlicher physischer Gesundheit mit sexueller Abstinenz ist ausgezeichnet belegt und wird mitsamt der damaligen medizinischen Diskussion ausführlich von Foucault besprochen (52). Es handelt sich also keineswegs um bloße Klischees, die Caesar und Tacitus wiedergaben oder denen sie aufsaßen, sondern die Wissenschaftlichkeit ihrer Zeit. Für beide waren die Germanen der Inbegriff der physischen Gesundheit und Stärke (53), wie an vielen Stellen deutlich wird und übrigens auch hervorragend zu beider Intention passt. Caesar brauchte die schrecklichen, kraftstrotzenden Riesen des düster-bedrohlichen Landes ebenso wie Tacitus die altrömisch-kerngesunden Saubermänner. Beide - und das gilt ebenso für ihr Publikum - konnten sich das Zustandekommen derartiger Gesundheit nicht anders vorstellen als durch strikte sexuelle Abstinenz, also schrieben sie selbige den Germanen zu.

Bei Caesar, ebenso wie bei Tacitus, sollte man eher an späte Eheschließung denken als an Jugendabstinenz, denn in Rom gab es keinerlei Freiraum für erotisch-"sexuelle" Experimente junger Menschen. Das gemeinsame Baden spricht eher für einen für Römer völlig unvorstellbar freizügigen Umgang der Geschlechter miteinander, der aber - siehe oben - asexuell sein musste. Caesars Intention unterschied sich übrigens etwas von der des Tacitus: sein Anliegen war, die Germanen als äußerst gefährlich und ihr Land als nahezu unbewohnbar zu schildern - daher die stets trainierenden Athleten, die ihre sexuelle Abstinenz - wie gesagt - noch stärker und größer machte. Das ist der eigentliche Sinn von Caesars Aussage. Man erinnere sich an den Fuchs mit den sauren Trauben: Caesar baute unter großem Tamtam eine Brücke über den Rhein, ließ sie aber wieder abbrechen und hütete sich sorgfältig, mit den Germanen jenseits des Flusses anzubinden.

Eine Sitte, spät zu heiraten, bedeutet für Frauen jedenfalls, dass sie als erwachsene Menschen heiraten und nicht als halbe Kinder, was ihre Eigenständigkeit innerhalb der Ehe nur unterstreichen kann. Tacitus kann so gelesen werden, dass in etwa Gleichaltrige heiraten, was diesen Aspekt noch weiter hervorhebt.

Es ging hier um die Frage, ob die Germaninnen der taciteischen Zeit über sich selbst verfügten. Obschon eine oberflächliche Betrachtung der Quellen das auszuschließen scheint, lässt meines Erachtens eine Diskussion der Quellen zu, die These zu formulieren, dass sie es taten. Will man das etiam sanctum aliquid et providum des Tacitus ohne Widersprüche in das Gesamtbild der germanischen Gesellschaften der taciteischen Zeit einfügen, muss eine Stellung der Germaninnen als sozialer und politischer Kern ihrer Stämme zumindest in Betracht gezogen werden.

Germanische Seherinnen sind übrigens selbst in späterer Zeit noch gut und häufig belegt. "Aber auch wenn die Figur der Seherin in Eddadichtung und Sagaliteratur längst zur rein literarischen Gestalt geworden war," schreibt Simek, "und die Völvur in der Skaldendichtung keine große Rolle spielen, so zeigt die Häufigkeit der Nennungen dennoch die Bedeutung auch noch in der heidnischen Spätzeit. Für den südgermanischen Bereich dagegen fehlen die Belege für die heidnische Spätzeit oder sind schon in den entstehenden Hexenglauben des Frühmittelalters integriert. Jedenfalls kommen Sybillae in den Bußbüchern nicht vor, und wo in den Verboten heidnischer Praktiken Frauen benannt werden, scheinen die Stellen eher dem Schadenzauber anzugehören, auch wenn die Bußbücher dennoch bei dem Verbot von Weissagungen eher an Frauen gedacht zu haben scheinen («Wenn wer Weissagungen oder Prophezeiungen betreibt, oder wenn wer glaubt, dass irgendwelche Menschen die Verursacher von Unwettern seien, oder wenn eine Frau Weissagungen oder teuflische Anrufungen vornimmt, büße er für 7 Jahre»). Zwar mag in diesen Auffassungen der Ursprung des spätmittelalterlichen und frühneuzeitlichen Hexenglaubens zu sehen sein, für die heidnische und frühchristliche Zeit lässt sich eine distinkte Funktion von Frauen im Schadenszauber jedoch nicht nachweisen, eher sind es noch im Hochmittelalter Hexer, die davon betroffen sind." (54)

Kapitel 4: Migration: Hexen und Königinnen


Fussnoten:

(1)Tacitus, de origine et situ Germanorum liber, 2.

(2)Tacitus, Annalen II 85

(3)Tacitus, de origine et situ Germanorum liber, 37

(4)Tacitus, Annalen, I 56

(5)ebd.

(6)Hilfstruppenkontingente werden in derlei Berichten gewöhnlich gar nicht erwähnt, ich habe die Anzahl der Römer also nicht übertrieben dargestellt – es werden eher noch mehr als weniger gewesen sein.

(7)Tacitus, de origine et situ Germanorum liber, 8

(8)Ein keineswegs unwichtiger Punkt – die römische Strafidee wird grundsätzlich auf andere Kulturen übertragen, römische Rechtsvorstellungen sind aber alles andere als unabhängig von der römischen Kosmologie bzw. dem römischen Diskurs. Foucault hat bekanntlich zur Diskussion der entsprechenden Vorstellungen in der jüngeren christlich-abendländischen Geschichte sehr viel beigetragen (Foucault, Michel: Überwachen und Strafen. Die Geburt des Gefängnisses. Frankfurt am Main 1994). Die Strafidee ist einer jener thematischen Komplexe, die ich hier nicht mitbehandeln kann.

(9)Scheper-Hughes, Nancy und Lock, Margaret: The Mindful Body. A Prolegomenon to Future Work in Medical Anthropology, Toronto 1998, S.210

(10)Caesar, Der Gallische Krieg, I 50

(11)ebd., I 30f.

(12)Simek, Religion und Mythologie der Germanen, S. 51

(13)ebenda

(14)Die übrigens bis zum heutigen Tage faszinierende Kreise zieht. Eine bislang wenig beachtete kulturelle Projektionsfläche ist der Bereich der Fantasyliteratur und –spiele – ich halte ihn für sehr ertragreich für die Kultur- und Sozialanthropologie, unter anderem weil dort Kulturen und Gesellschaften sowie Mythologien konstruiert werden und an den Konstrukten dann (im Falle der Spiele) in unterschiedlichster Form partizipiert wird. Dorthin gelangte der Blutkessel der Kimbernpriesterinnen und wurde zum Kernelement einer „Kultur“ von im Matriarchat lebenden Dunkelelfen, die mitsamt ihren Charakteristika sich von Weltentwurf zu Weltentwurf weiter ausbreiten, was nur einigen solcher „Kulturen“ gelingt. Diese Dunkelelfen sind, obschon freilich „böse“, keinesfalls immer das Feindbild der Partizipatoren.

(15)Simek, Rudolf, Religion und Mythologie der Germanen, Darmstadt 2003

(16)ebd., S.224

(17)Wenskus, Reinhard: Stammesbildung und Verfassung. Das Werden der frühmittelalterlichen gentes. Köln/Wien 1977 (Zweite unveränderte Auflage, Erstauflage 1961), S.258ff.

(18)ebd., S. 261 f.

(19)Simek, op. cit. S. 225

(20)ebd., S. 225

(21)Tacitus, De origine et situ Germanorum liber, 11

(22)Man kann gar nicht vorsichtig genug sein, wenn man Könige erwähnt. Foucault hatte völlig recht, wenn er immer wieder darauf hinwies, dass der Souverän derart das Bild der Macht in der christlich-abendländischen Kultur bestimmt, dass Blindheit bezüglich des Wesens der Macht, ihrer Quelle und ihrem „Spiel“ entsteht, was fatale Folgen hat. Die Ausstrahlungskraft eines Begriffs und der damit verbundenen Assoziationen zeigt sich oftmals erst zur Gänze in der unfreiwilligen sozialen Karikatur, wie beispielsweise bei der Antifa Koblenz, die mir und einigen anderen Mitte der 90er allen Ernstes vorwarf, wir wollten die Monarchie als Staatsform einführen, weil wir germanische Sakralkönige anlässlich eines Vortrags erwähnt hatten. Obwohl die Antifa Koblenz in puncto paranoid-bösartiger Kreativität immer noch weit hinter der Antifa Marburg zurückblieb, frage ich mich bis heute, wie man sich dort die Durchführung unseres angeblichen Vorhabens vorstellte. Ich nehme die Gelegenheit wahr, der geschätzten Leserschaft zu versichern: weder dieser Artikel noch das Ariosophieprojekt sind Teil eines Plans, die Monarchie einzuführen.

(23)Wenskus, Stammesbildung und Verfassung, S. 305 ff.

(24)ebd., 66f.

(25)ebd., 314

(26)ebd., 467, insbes. Anm. 230

(27)Wenskus, Stammesbildung und Verfassung, 14f.

(28)ebd. 14ff.

(29)Wer die anderen Arbeiten im Rahmen dieses Projekts nicht kennt, mag sich vielleicht über die fortwährenden Wiederholungen zum Thema Abstammung, Genetik, Rasse und so fort wundern. Genau diese Punkte sind es aber, die man immer wieder hervorheben muss, wenn es um Germanen geht, und zwar nicht nur wegen der in der Heidenszene vorherrschenden Ideologien, sondern auch wegen des Germanenbildes der breiten Öffentlichkeit, das gar nicht weit von den in der Heidenszene anzutreffenden Ideen abweicht, aber negativ gezeichnet sein kann, wo die Heidenszene glorifiziert – Beispiel Antifa. Zudem besteht die Möglichkeit, dass dieser Artikel „journalisiert“ wird. Hans Peter Duerr zitierte einmal Paul Feyerabend dahingehend, „dass Intellektuelle sich von anderen Menschen vor allem dadurch unterscheiden, dass man ihnen eine Sache mehrmals vorkauen muss, bevor sie in der Lage sind, sie zu verstehen. Ansonsten laufen sie wie blinde Mäuse im Kreis herum“ (Duerr, Hans Peter, Intimität, Frankfurt an Main 1994, S.11). Ganz anders die meisten Journalisten: sie „verstehen“ und „durchschauen“ ihr Thema sogar, bevor sie sich damit befasst haben. Ein einziger Satz, der besagt, dass irgendwer von irgendwem abstammt, wenn von Germanen die Rede ist, ohne dass man diesen Satz ausführlichst erläutert – und schon existiert der gesamte Rest des Artikels für den Journalisten nicht mehr. Er ist freilich nicht in der Pflicht, seine eigenen Vorstellungen bezüglich Abstammung jemals zu überdenken, denn er journalisiert und wird nicht journalisiert. Kenner Foucaults werden hier an den Panoptismus denken (Foucault, Michel, Überwachen und Strafen. Die Geburt des Gefängnisses, Frankfurt am Main 1994, S. 251 ff.), Journalisten nicht, denn sie üben ihn ja schließlich nur aus und brauchen daher nichts darüber zu wissen.

(30)http://abacus.bates.edu/~mimber/Rciv/public.relig.htm bietet eine schöne Übersicht und wurde auch von mir herangezogen, da dieser Text sehr viel leichter zugänglich ist als Livius, Cicero und althistorische Fachliteratur.

(31)Tacitus, de origine et situ Germanorum liber, 7

(32)ebd. – Ich trage das hier nicht ohne Bedenken vor, denn bekanntlich sieht sich Geza von Nemenyi als „Allsherjargode“ der „traditionellen Heiden“, wozu an anderer Stelle ja schon einiges gesagt wurde. Sollte er jetzt etwa auf den Gedanken verfallen, er habe deshalb auch die Befugnisse eines „sacerdos“ der taciteischen Zeit, etwa wenn man ihn auf gewisse sachliche Fehler seinerseits hinweist, ihn nach seiner Haltung zum Armanenorden und der ANSE fragt, seine „Weihe“ unter Mitwirkung von Sigrun von Schlichting erwähnt oder sich gar über seine Karma-These lustig macht, weise ich dafür jegliche Verantwortung von mir.

(33)Zum Beispiel diverse Protagonisten der Heidenszene. Auch hier ragt selbstverständlich wieder Geza von Nemenyis „Germanische Glaubensgemeinschaft“ hervor. Da dies kein Artikel über die Heidenszene ist, verweise ich der Kürze halber auf den Artikel „Der Allsherjargode – neun Punkte der Kritik“ von Christian Brüning (www.tivar.de) und empfehle ihn dringend auch denjenigen, die ansonsten an der Heidenszene eher weniger interessiert sind. Der Unterhaltungswert des Artikels ist außerordentlich. - Vor einigen Jahren gehörten derartige Vorstellungen von „Priestern“ und „Glauben“ noch als „Grundwahrheiten“ der Heidenszene zum Fundament der Absicherung von Führungsrollen, wobei die „Legitimierungs“-Praxis der „obersten Eingeweihten“, am besten exemplifiziert durch Volkert Volkmann und den „Yggdrasil-Kreis“, die zentrale Rolle spielte – ich habe dies in diesem Projekt damals eingehend besprochen. Dieses Modell beruhte aber auf Hegemonie und Alternativlosigkeit und zerbröckelte demzufolge rasch, als beides nicht mehr gegeben war. Darum ringen die ehemaligen „obersten Eingeweihten“ jetzt um Möglichkeiten, einerseits einen Rest ihrer einstigen Macht zu retten und andererseits ein diskreditiertes Modell durch andere zu ersetzen. In der Heidenszene insgesamt bereitete der Niedergang der in verschiedener Hinsicht mit der Ariosophie verbundenen „Priesterideologie“ den Boden für den Vormarsch der völkischen Ideologie, gepaart mit anderen Autoritätsmodellen, was ich ebenfalls bereits besprochen habe.

(34)Wenskus, Stammesbildung und Verfassung, 576 ff.

(35)Tacitus, Annalen, I 55

(36)Und zwar, weil auch principes als die Anführer von Gefolgschaften auftreten. Ich möchte vor allem dies eventuell lesende Altertumswissenschaftler darauf hinweisen, dass ich hier oft vereinfachen und verkürzen muss.

(37)s. Anm. 21

(38)Wenskus, Stammesbildung und Verfassung, 314f.

(39)ebd., 347 ff.

(40)Tacitus, de origine et situ Germanorum liber, 20

(41)Tacitus, Annalen, I 57

(42)Tacitus, de origine et situ Germanorum liber, 23

(43)Ich setze diese grundsätzlich in Anführungszeichen, weil ich mit Foucault bezüglich ihrer Konstruiertheit übereinstimme.

(44)Foucault, Michel: Der Wille zum Wissen. Sexualität und Wahrheit, Teil 1. Frankfurt am Main 1983, S. 161

(45)Tacitus, de origine et situ Germanorum liber, 18

(46)Auch hier ist es vielleicht interessant, die Vorstellung „ein Mann hat mehrere Frauen“ einmal gründlich im Sinne des bisher Vorgetragenen zu durchleuchten. Sehen wir Germaninnen der taciteischen Zeit nämlich als politisch einflussreich an und bedenken wir, dass hier Mitglieder der jeweiligen stirps regia heirateten, dann kommen so beispielsweise eine Chattin und eine Cheruskerin permanent zusammen, die „Fremde“ wird zur Repräsentantin ihrer Gesellschaft.

(47)Wenskus, Stammesbildung und Verfassung, S. 24

(48)Tacitus, de origine et situ Germanorum liber, 19

(49)ebd.

(50)ebd., 20

(51)Caesar, Gallischer Krieg, VI 21

(52)Foucault, Michel: Die Sorge um sich. Sexualität und Wahrheit Teil 3, Frankfurt am Main 1989, S. 148ff.

(53)Wobei zu beachten ist, dass die weibliche Sittsamkeit und Keuschheit funktional der männlichen Gesundheit förderlich ist. Es wird also ein Verhalten von Frauen verlangt, das ihnen selbst wenig, den Männern aber sehr viel nutzt. Um die Anliegen der Frauen geht es bei diesen römischen Vorstellungen, wenn überhaupt, dann nur am Rande.

(54)Simek, Religion und Mythologie der Germanen, S.226f.

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