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Hans Schuhmacher Germanische Frau Die Gotinnen
28.04.2017, 09:55

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Kapitel 4: Migration: Hexen und Königinnen

Die Gotinnen

Das Sakralkönigtum, dessen Fehlen nicht notwendigerweise das Heerkönigtum hervorbrachte, verhinderte, wo es existierte, nicht immer die Entstehung eines politisch mächtigen Königtums: "Einige Hinweise gestatten nun die Annahme, dass wir in dem mächtigeren Königtum der Oststämme nicht überall ein aus dem Dukat erwachsenes Heerkönigtum vor uns haben, sondern zum Teil ein durch die Landnahme erstarktes älteres Sakralkönigtum. Die Wandersage der Goten lässt sie ... bereits unter der Führung eines Königs, Berig, nach der Weichselmündung kommen. Möglicherweise ließ die Königssippe die gotländische Heimat nun ohne König zurück. Der sakrale Charakter des gotischen Königtums wird durch den von Hirschen gezogenen Wagen des Gotenkönigs bezeugt ..." (1) Wir erinnern uns an die Ausführungen zum Sakralkönigtum im vorigen Kapitel.

Bei den Goten schloss sich also der Sakralkönig selbst den Auswanderern an, "... und so konnte hier eine Form des Königtums entstehen, die, unmittelbar im alten Sakralkönigtum wurzelnd, die Funktionen und die Macht des Heerkönigtums erlangte". (2) Wenskus sieht den Grund für diesen Prozess bei den Goten in der räumlichen Entfernung von Vorgängen im Westen, die bei verschiedenen Stämmen zur Vertreibung der Sakralkönige führten. (3) Anstatt im üblichen Sinne danach zu fragen, wer die Macht "hat" oder akkumuliert, würde ich es im Sinne Foucaults vorziehen, eher das "Spiel der Macht" zu untersuchen: welche Formen nimmt sie an? Wo wirkt sie in welcher Weise? Wo ist der Widerstand? - denn im Sinne Foucaults liegt eine Machtbeziehung nur da vor, wo es auch Widerstand gibt, ganz gleich wie stammelnd oder schwach er auch sein mag - Kadavergehorsam ist keine Machtbeziehung. Macht beruht immer und überall auf Diskursen, und demzufolge weisen veränderte oder verschobene Diskurse immer auf Verschiebungen der Machtverhältnisse hin und umgekehrt.

Attach:HansSchuhmacherGermanischeFrauDieGotinnen_Medea.jpg Δ Bei den Goten gab es anscheinend erhebliche Schwierigkeiten. "Nach der Wandersage war es Filimer, Sohn Gadarichs des Großen, der "ungefähr" fünfte König nach Berig, der den Zug nach dem Pontusgebiet anführte. Die vorsichtige Formulierung verrät, dass für die ruhigere Zeit zwischen den Kämpfen bei bzw. unmittelbar nach der Landnahme an der unteren Weichsel und dem Weiterzuge an das Schwarze Meer Cassiodor und Jordanes keine oder sich widersprechende Königsreihen vorlagen ..." (4) Unter Filimer geschah es nach Jordanes, dass "Zauberweiber" aus dem Stamm ausgestoßen und in die Einöde vertrieben wurden. Diese hätten sich dort mit Unholden zusammengetan und wären zu den Müttern der Hunnen geworden.

Das ist interessant. Ganz plötzlich, während eine neue Wanderung sich anbahnt oder gerade anläuft, entdeckt man eine beträchtliche Anzahl "Zauberweiber" und jagt sie davon. Der Christ Jordanes wird an die entsprechenden alttestamentarischen Stellen gedacht haben und erfreut gewesen sein. Man darf aber wohl davon ausgehen, dass die "Zauberweiber" nicht ganz plötzlich entdeckt, sondern vielmehr erfunden wurden. Das heißt: Frauen, die vorher nicht als "Zauberweiber" galten, fanden sich plötzlich als solche wieder. Das sieht nach einer Veränderung im Diskurs aus. Ich erinnere an den ambivalenten Charakter des "Heiligen": anscheinend gelang es der "Königspartei" im gotischen Diskurs, das sanctum zumindest eines Teils der Gotinnen umzudeuten - alle Frauen wird man wohl kaum davongejagt haben. Daraus geht hervor, dass die Gotinnen nicht solidarisch waren, denn kein wandernder Stamm konnte alle Frauen davonjagen. Am bezeichnendsten jedoch erscheint die Geschichte über die Entstehung der Hunnen.

Treuherzig schilderte Jordanes um die Mitte des 6. Jahrhunderts, etliche Jahrhunderte nach Filimer, die "Zauberweiber" (haljarunae) als Mütter der Hunnen, deren Väter, wie wir oben gesehen haben, Unholde gewesen sein sollen. Das Bestreben des Jordanes war, den Goten zu einer Geschichte zu verhelfen, wie die Römer sie hatten. Sehr wahrscheinlich verstand er gar nicht mehr, wie die heidnischen Goten sich Welt und Geschichte vorgestellt hatten (wir werden auf dieses Problem noch zu sprechen kommen) und passte auch die Zauberweiber-Geschichte in sein römisch-christliches Schema ein. Ich gehe im Folgenden davon aus, dass die Geschichte selbst "echt" ist, also zur gotischen Überlieferung gehört. Was hat es damit auf sich?

Zunächst zu den Geschehnissen selbst: die Goten wurden zu einer ernstzunehmenden politisch-militärischen Macht im Balkanraum. Etwa hundert Jahre nach Filimer schlugen sie das römische Heer vernichtend und töteten Kaiser Decius - dies war zwar ihr größter, aber nicht ihr einziger militärischer Erfolg in dieser Zeit. Ein weiteres Jahrhundert später tauchten die zentralasiatischen Hunnen westlich des Don auf. Für Goten wie Römer gleichermaßen (sowie die anderen Betroffenen) schienen sie quasi aus dem Nichts zu erscheinen. Ihre erste Großaktion bestand darin, das Ostgotenreich zu vernichten. König Ermanarich nahm sich das Leben.

Dies machte einen außerordentlich großen Eindruck auf die Zeitgenossen. Für die Goten dieser Zeit hatte die Frage wo kommen die Hunnen her? eine gewisse brennende Aktualität, wie man sich denken kann. Jordanes schildert uns, auf welche Erklärung sie verfielen. Die verjagten "Zauberweiber" waren in den Tagen des Ermanarich nicht vergessen. Man sollte sich sehr gründlich überlegen, wen man davonjagt. Das sagten sich womöglich auch die Goten, die das Desaster erlebten oder später erzählten. Für die Goten nämlich, und darauf kommt es hier an, bestand zwischen den Ereignissen Verjagung der "Zauberweiber" (Ursache) und Vernichtung des Reiches des Ermanarich (Wirkung) ein klarer Zusammenhang.

Die Macht, die man den "Zauberweibern" zuschrieb, war also nicht unerheblich. Es war immerhin die Macht, den Hunnen das Leben zu geben und sie - ich interpretiere hier - auf Ermanarich als Nachfolger des Filimer loszulassen.

Interessanterweise geistert Ermanarich noch als Iormunrekkr in der Älteren Edda herum (5). Er ist ein sehr negativ gezeichneter Charakter, dem eine der aktivsten Frauenfiguren der Älteren Edda, Guðrún, ihre Söhne auf den Hals hetzt, weil er ihre Tochter Svanhild grausam hat töten lassen. Es wäre gewagt, zwischen beiden Geschichten eine Verbindung anzunehmen - unmöglich ist es aber nicht.

Um eine Dämonisierung der Hunnen kann es den Goten kaum gegangen sein, denn Bündnissituationen mit den Hunnen waren von großer Bedeutung für die gotische Geschichte, und es waren die Goten, die "Attila", den angeblich schrecklichsten Hunnenkönig, "das Väterchen" nannten. Gerade die Goten assimilierten viele Bewohner des pontischen Steppenraums und übernahmen ihre Lebensweise (6).

Vielleicht deutet die von Wenskus erwähnte Uneinheitlichkeit der Königslisten vor Filimer (7) bei Cassiodor und Jordanes auf ebenso "uneinheitliche" Zustände hin. In diesem Falle ist es möglich, in den "Zauberweibern" die Verliererinnen eines längeren, dramatischen Disputs zu sehen. Stellten sie sich der königlichen Machtakkumulation entgegen, von der wir oben gesprochen haben, und versuchten, das politische Balance-Prinzip der älteren Zeit zu bewahren, und nicht zuletzt die Position von Frauen in der gotischen Gesellschaft?


Fußnoten:

(1)Wenskus, Stammesbildung und Verfassung, 410f.

(2)ebd., 468

(3)ebd.

(4)ebd.

(5)Und zwar im Hamðismál: Gustav Neckel (Hrsg.):Edda. Die Lieder des Codex Regius nebst verwandten Denkmälern. Heidelberg 1927, S.263 ff.

(6)Man sehe es mir nach, wenn ich hier verallgemeinernd von „den Goten“ spreche. Wie diversifiziert das Bild tatsächlich war, hat vor allem Wolfram gezeigt. (Wolfram, Herwig: die Goten. Stuttgart 1990)

(7)Wenskus, Stammesbildung und Verfassung, S. 468

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